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Das erste Gehirnschiff

F39.

"Ich habe dich verkauft"

Der Wecker piepte.

Beschwingt stand ich auf und zog mich in meinem kleinen Büro an, in dem auch mein Bett und die Schublade mit meinen persönlichen Gegenständen war.

Gerade am Vortag hatte ich die Mail erhalten, in der meine Frau mir mitteilte, daß sie ein gesundes Mädchen zu Welt gebracht hatte und diesen Abend noch würde ich es zum ersten mal sehen.

"Kara begibt dich bitte sofort zum Nordausgang." ertönte die Stimme des Abteilungsleiters aus dem Lautsprecher.

"Warum?" fragte ich.

"Ich habe dich verkauft."

Mir wurde es eiskalt, dennoch stellte ich die nächste Frage:
"Wohin?"
"In die Versuchsanstalt der Sternenflotte."
"Wie kannst du so etwas tun!?" protestierte ich.
"Sie haben mir das zehnfache des üblichen Preises geboten."

Er hatte Schulden - und das hieß, daß ihn jederzeit ein Vorgesetzter an eine solche Versuchsanstalt oder einen lebensgefährlichen Arbeitsplatz hätte verkaufen können, ohne daß er etwas dagegen hätte unternehmen können. Daß ihm so viel Geld geboten wurde, war für ihn eine unwiderstehliche Versuchung. Mir bereitete dieser fantastische Preis, der für mich gezahlt worden war, noch mehr Bauchschmerzen - es hieß, sie hatten etwas mit mir vor, wo sich niemand für alles Geld der Welt freiwillig darauf einlassen würde.

"Geh zum Nordausgang."
Ich packte schnell meine privaten Sachen in eine Tasche und setzte mich - langsam - in Bewegung. Niemand würde erwarten, daß ich mich in so einer Situation beeile. Doch es war sinnlos, sie dazu herauszufordern, daß sie den Strafer einsetzten und mich bis zur Besinnungslosigkeit folterten und dann dorthin trugen, wo sie mich haben wollten.

In der Garage am Ausgang warteten zwei Männer in der Uniform der Versuchsanstalt und ein kleiner Wagen mit einem viertel Container auf mich.
"Kara?"
Mit einem Nicken bestätigte ich, daß ich der gesuchte war.
"Wenn ihr bitte in den Container steigen würdet, Herr?"
Ich sah kurz auf - die Rangabzeichen wiesen ihn als Ungelernten aus. Das änderte selbstverständlich nichts daran, daß es sich bei diesen höflichen Worten um einen Befehl handelte.

Ich gehorchte und stellte überrascht fest, daß der Raum geradezu luxuriös mit zwei Betten, zwei Sesseln und einem Klapptisch eingerichtet war, statt mit sechs Etagenbetten vollgestopft zu sein, wie ich es erwartet hätte. Der Ungelernte stieg zu und erklärte:
"Ich werde in den folgenden Tagen dein Diener sein und soll dir unterwegs deine Fragen beantworten."

"Was habt ihr mit mir vor?" fragte ich, sobald ich ich hingesetzt hatte.
"Die Regierung beabsichtigt, Schiffe zu bauen, deren Elektronik direkt durch ein menschliches Gehirn gesteuert wird. Dafür bist du vorgesehen."
"Ich habe noch nie von solchen Schiffen gehört. Geht das denn?"
"Die Forschungsabteilung meint, sie hätten jetzt alle Probleme beseitigt - aber bisher hat noch niemand überlebt."
"Mit wievielen haben sie das denn schon so gemacht?" fragte ich.
"Mit zwanzigen nach der heutigen Methode."
"Das heißt sie haben 20 Leute umgebracht - und ich soll der nächste sein?"
"So ungefähr."
Das war einfach zu viel. Ich schlug die Hände vors Gesicht, um meine Tränen zu verbergen.

Ich hörte, wie der Diener aufstand, und etwas tat, dann stellte er eine Tasse Kaffe vor mich:
"Komm trink."
Ich sah ihn erstaunt an, weil Ungelehrnte meist keinen Lohn bekommen und deshalb nie einen ausgeben können:
"Wer zahlt das?"
"Das geht auf Kosten, des Hauses. Du bekommst alles kostenlos, was du essen und trinken willst."
Ich stierte wortlos in die Tasse.
Er legte mir den Arm um die Schulter.
"Angst?"
Ich nickte.
"Ihr tut mir immer so leid."

"Gibt es irgendeinen Grund, warum ich nicht am Besten sofort Selbstord begehen sollte?" fragte ich düster.
"Ja. Du hast Frau und Kinder - und wenn Du alles brav mitachst bekommen sie 15 Jahre lang deinen Lohn gezahlt."
Er nannte mir eine Summe, die mich verstummen ließ, weil sie ein Vielfaches von dem war, was ich selbst unter besten Bedingungen für mein Kind hätte aufbringen können. Und der Gedanke daran, daß ich mein Kind nun nie würde kennenlernen können, ließ mir wieder die Tränen kommen.

Er hatte natürlich recht - das war ein Grund, nicht Selbstmord zu begehen, denn die beiden würden das Geld brauchen, damit sie sicher sein konnten, daß sie sich jederzeit freikaufen konnten, wenn jemand mit ihnen so etwas vorhätte. Die Freikaufsumme hatte nichts damit zu tun, wieviel die Herren für einen bezahlen sondern war festgelegt und hing nur davon ab, welche Berufsausbildung man hatte. Wer dieses Geld auf dem eigenen Konto hatte, konnte sich jederzeit freikaufen, wenn es nötig war, und sich eine bessere Stelle suchen, an die er sich verkaufte. Meine Frau dagegen konnte mich nicht für diese Summe freikaufen.

Unterwegs durfte ich Briefe an meine Freunde schreiben - und mir war mitgeteilt worden, daß sie wegen der Geheimhaltung von einem Zensurbeamten durchgelesen würden, um sicherzustellen, daß keine aufschlußreichen Details über die an mir durchgeführten Versuche enthalten waren. Die Briefe würden dann mit mir durchgesprochen, damit ich sie entsprechend korrigieren und beim nächsten mal gleich angemessen schreiben konnte.

Kersti

Quelle: Erinnerungen an eigene frühere Leben


FA40. Kersti: Fortsetzung: Leidensgenossen
FA38. Kersti: Voriges: Elternsorgen
FI1. Kersti: Inhalt: Das erste Gehirnschiff
V4. Kersti: Merkwürdige Erfahrungen
EGI. Kersti: Kurzgeschichten
V231. Kersti: Frühere Leben von mir
Z51. Kersti: Erinnerungen an frühere Leben
V12. Kersti: Hauptfehlerquellen bei Erinnerungen an frühere Leben
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Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, Internetseite: https://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de