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Das erste Gehirnschiff

F41.

Operationen

Morgends wurde ich in die Dusche des Operationsraumes geführt, mir wurden die Haare abrasiert, dann duschte ich mich dem Desinfektionsmittel und danach noch einmal mit sauberem Wasser.

Danach folgte ich dem Arzt in den Operationssaal, legte mich gehorsam auf die Behandlungsliege und ließ es zu, daß sie mich so festschnallten, daß ich ich nicht rühren konnte.

Dann stellte der Nervenarzt eine Sichtblende über meinen Hals, so daß ich die Operation nicht sehen konnte und sagte mir, daß ich sagen mußte, was sie einer Meinung nach gerade taten.

Als sie mir den Bauch aufschnitten, schluchzte ich unwillkürlich auf.

"Was haben sie getan?" fragte der Arzt scharf.
"Den Bauch aufgeschnitten!"
"In welche Richtung?"
"Von oben nach unten."
"Red gefälligst in ganzen Sätzen - was haben sie getan?" befahl er streng.
"Sie haben mir den Bauch von oben bis unten aufgeschnitten." antwortete ich.
"Gut. Richtig. Und jetzt?"
Ich schrie auf, als sie den nächsten Schnitt taten, fing mich wieder und brachte heraus:
"Sie haben mir Hoden und Penis abgeschnitten."
"Gut richtig. Weiter?"

"Und jetzt ziehen sie mir die Bauchwunde auseinander..." ich brach ab und wimmerte weil die Schmerzen unerträglich wurden und eine Todesangst in mir erwachte "Oh bitte, hört auf, laßt mich am Leben!" flehte ich.
Mir war dabei natürlich absolut klar, daß es zwecklos war, um Gnade zu flehen - wenn es anders wäre, hätten sie hier keine zwanzig Leute bei vollem Bewußtsein und ohne Schmerzittel auseinandergenommen.
"Kara!" fuhr er mich an.
Ich verstummte kurz, konnte aber nicht anders, als wieder vor Schmerzen zu wimmern, als sie die Wunde noch weiter auseinanderzogen.

"Was tun sie jetzt?"
Ich besann mich darauf, daß meine Frau das Geld, das sie so dringend brauchte, nur bekommen würde, wenn ich mitarbeitete und daß es mir nichts bringen würde, es nicht zu tun.
"Irgendetwas in meinem Bauch ... rechts oben ... ach ich weiß ... sie nehmen die Leber heraus."
"Gut. Und jetzt?"
Ich schwieg kurz und versuchte aus den Schmerzen schlau zu werden.
"Die Milz?"
"Sehr gut."

Während sie nach und nach jedes einzelne innere Organ aus der Bauchhöhle nahmen, verlor ich mehr und mehr die Selbstbeherrschung. Am Ende der stundenlangen Operation bekam ich wohl kein verständliches Wort heraus, obwohl der Nervenarzt immer noch streng von mir forderte, daß ich seine Fragen beantwortete. Die blutstillenden Messer, die jede angeschnittene Ader sofort wieder automatisch verschlossen, verhinderten, daß ich verblutete.

"So, du hast es überstanden. Setz dich auf."
Als sie mich losschnallten und mir vorsichtig halfen, mich hinzusetzen, schluchzte ich immer noch vor Schmerzen und Erschöpfung. Sie zogen mir etwas wie einen Badeanzug, der hinten verschlossen wurde über die offenen Wunden.

Der Diener führte mich durch die Dusche zurück in den Aufenthaltsraum.
"Möchtest Du sofort schlafen, oder noch ein paar Worte mit deinem Kollegen wechseln?" fragte er.
Obwohl die Schmerzen beinahe unerträglich waren und sie mir gesagt hatten, daß ich genug Betäubungsmittel erhalten würde, um schmerzfrei schlafen zu können, war das Bedürfnis, vor meinem Tod noch mit irgendwem reden zu können, so stark, daß ich sagte:
"Reden."
Vorsichtig half er mir, mich auf den Stuhl zu setzen.

Am nächsten Tag wurden ich erneut in die Dusche geführt, wo der Arzt schon auf mich wartete, mit den Badeanzug auszog und mich aufforderte, mich auf den Hocker zu setzen.

Ich gehorchte und sah zu, wie er meine Beine breitbeinig am Boden festkettete. Dann forderte er mich auf, meine Hände durch zwei Schlaufen, die von der Decke hingen, zu stecken und den darüberliegenden Griff festzuhalten. Dann zog er die Schlaufen so weit wie möglich zu und zog meine Arme mit einer Kurbel an der Wand so weit hoch, daß sie gestreckt waren. Ich ließ das willenlos über mich ergehen und hielt auch noch willig still, als er Haken in die offene Bauchwunde einhängte, mit denen er die Wundränder auseinanderziehen konnte, indem er die Bänder hinter meinem Rücken spannte. Auch als er die Augenlieder an den Wimpern faßete und abschnitt, ließ ich das apathisch über mich ergehen, obwohl es wehtat.

Dann befahl er mir:
"Sieh mich an!" und spritzte mir Desinfektionsmittel in die Augen, sobald ich gehorchte.
Ich schrie auf und versuchte mir mit den gefesselten Händen die Augen zuzuhalten, die wehtaten, als wären sie mir ausgestochen worden. Doch das gelang mir nicht, da er mich mit der Kurbel hochzog bis ich mit gespreizten Armen und Beinen aufrecht stehen mußte und mich nicht mehr rühren konnte. Während er die Bauchwunde mit dem Spanner richtig aufzog, sie von innen mit Desinfektionsmittel ausspülte, erneut meine Augen damit ausspülte und den ganzen Körper mit Wasser abduschte, versank die Welt für mich in einem Nebel von Schmerzen. Ich muß wohl ziemlich geschrien haben. Ich kam erst wieder zu mir, als meine Füße schon befreit waren und er mir sagte:
"Stell dich hin, damit du nicht umfällst, wenn ich die Hände losmache."
Ich versuchte zu gehorchen, dennoch mußte er mich stützen, da ich zu sehr zitterte, um ohne Hilfe stehen zu können. Außerdem konnte ich nur noch hell und dunkel sehen, weil meine Augen verätzt waren.

Willenlos ließ ich mich in den Operationssaal führen, doch als ich mich in die Wanne legen sollte, in der sie mich operieren wollten, wäre ich am liebsten weggerannt - und hätte das sicher auch versucht, wenn ich die Kraft dazu gehabt hätte. Stattdessen begann ich nur heftig zu zittern und zu weinen.

Sie redeten mir gut zu, bis ich bereit war mich hinzulegen und schnallten mich dann so fest, daß ich ich nicht rühren konnte.

Diese Operation war weitaus weniger schmerzhaft aber viel erschreckender als die vorhergehende, denn was sie taten, tat nur weh, so lange das Fleisch um die Nerven herum noch da war, dann war da nichts mehr. Gar nichts. Und das löste panische Angst in mir aus. Ich mußte wieder erzählen, was sie gerade taten - und das machte mir so richtig bewußt, das sie nach und nach meinen gesamten Körper entfernten - Haut, Muskeln, Sehnen, Knochen und nur die Nerven übrigließen. Ein schreckliches Gefühl, wenn nach und nach der gesamte Körper verschwindet.

Kersti

Quelle: Erinnerungen an eigene frühere Leben


FA42. Kersti: Fortsetzung: Das Nichts
FA40. Kersti: Voriges: Leidensgenossen
FI1. Kersti: Inhalt: Das erste Gehirnschiff
V4. Kersti: Merkwürdige Erfahrungen
EGI. Kersti: Kurzgeschichten
V231. Kersti: Frühere Leben von mir
Z51. Kersti: Erinnerungen an frühere Leben
V12. Kersti: Hauptfehlerquellen bei Erinnerungen an frühere Leben
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Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, Internetseite: https://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de