erste Version: 12/2018
letzte Bearbeitung: 12/2018

Chronik des Aufstiegs: Die Pforten der Hölle - Die Beschützer der Menschheit vor den Geistern der Verzweiflung

F1143.

Da Khar, egal ob ich abwesend, zu krank oder tot sein würde, immer wieder die magische Leitung zufallen würde, berief ich ihn in den Rat

Vorgeschichte: F1141. Tharon: Wenn man das tiefe Glück erfahren hat, bei seiner wahren Berufung angekommen zu sein, kann man den Preis, den man dafür - immer - zu zahlen hat, besser akzeptieren

Tharon erzählt:
Khar war, als ihm als Elfjähriger die magische Leitung des Ritualkreises zugefallen war, weil ich nicht ansprechbar war, vorübergehend eine Aufgabe übernommen, die ihn auomatisch in den Rat des Ordenshauses gebracht hätte, da die Arbeit mit Besessenen ordensintern die zentrale Aufgabe unseres Ordenshauses ist. Damals hatte Rios entschieden, ihn nicht auch noch in den Rat zu schicken, weil wir ihm sowieso schon zu viel Arbeit und Verantwortung zugemutet haben.

Da die Lage jetzt, nachdem er aus den Höllen zurück war, wesentlich entspannter war und da ihm, egal ob ich abwesend, zu krank oder tot sein würde, immer wieder die magische Leitung zufallen würde, berief ich ihn in den Rat, damit er auch wirklich alle mit seiner Aufgabe zusammenhängenden Tätigkeiten erlernte.

Gleich beim ersten mal, stellte ich fest, daß er dabei wirklich unglaublich süß war. Zunächst einmal erklärte er mir auf dem Weg zu seiner ersten Sitzung, daß er überhaupt nicht verstehen würde, was er dort sucht. Er wäre für so etwas doch viel zu unwichtig. Meine Erklärung, warum das nicht der Fall war, schien er nicht wirklich ernst zu nehmen. Ehon war wohl nicht dazu gekommen, ihm zu erzählen, daß Rios ihn ebenfalls oft mit in den Rat genommen hatte, um ihn auf den Stellvertreterposten vorzubereiten. Wir hatten da zwar immer vorgeschoben, daß ich zu krank zum arbeiten war, aber letztlich war es darum gegangen.

Als ich dann den ersten Punkt meiner Tagesordnung ansprach, hatte er sofort eine Lösung parat, mit der man alles ganz anders und viel besser machen kann. Das war normalerweise eigentlich mein Part. Amusiert lehnte ich mich zurück und ließ ihn reden. Er hatte nicht jede Kleinigkeit bedacht, weil er in seiem Alter noch nicht alles wissen konnte, was er hätte bedenken müssen, um einen funktionsfähigen Plan zu haben. Natürlich erntete er als allererstes den Protest, daß diese neue Möglichkeit doch viel zu verrückt sei. Khiris erklärte ausführlich, warum das alles überhaupt gar nicht funktionieren kann, was Khar, wie ich seiner kämpferischen Miene ansah, nicht im geringsten überzeugend fand. Ich unterstützte, daß seine Idee zwar noch unausgegoren aber in den Grundzügen durchaus solide sei, erklärte für die funktionierenden Punkte warum sie durchaus funktionieren und fragte Khar, wie er die von Khiris benannten berechtigten Problempunkte lösen würde. Er schüttelte sofort für jeden einzelnen Punkt eine Lösung aus dem Ärmel, die noch unkonventioneller war als sein ursprünglicher Vorschlag. Das lag natürlich daran, daß er die konventionelle Lösung gar nicht kannte, weil ihm das Problem in diesem Leben noch nicht begegnet war. Als ich ihn darin auch noch bestärkte, beobachtete ich amusiert die geradezu entsetzen Mienen der erfahrenen Erwachsenen am Tisch. Es gab noch drei vier Ansätze, die Lösung inhaltlich zu widerlegen, ich ließ die Leute damit aber nicht durchkommen, weil sie tatsächlich praktikabel war und dachte mir im stillen, daß Rios fehlte, der normalerweise als mein Stellvertreter mit im Rat saß und fragte mich, ob es eine gute Idee gewesen war, daß ich Khar mit in die Sitzung nehme und nicht Rios, der ihm direkt gesagt hätte, was genau das Problem ist. Ich hatte aber gedacht, daß Khar zuerst vor allem moralische Unterstützung braucht, wenn er so viel Gegenwind bekommt. Und daß er den bekommen würde, war vorherzusehen gewesen, wie das Amen in der Kirche.

Anna, ein gerade mal 18 Jahre altes Mädchen, das offiziell geschickt worden war, um die Schule zu vertreten, vorgeblich weil ihre Vorgesetzte keine Zeit hat, tatsächlich aber, weil sie eine von den drei Kandidaten für die nächste Schulleitung war, zeigte eine zunehmend unzufriedene Miene und meldete sich schließlich. Als ich ihr das Wort erteilte, sagte sie das einzige, was ein wirkliches Gegenargument war:
"Die Lösung mag zwar an und für sich besser sein, als das, was wir bisher gemacht haben, aber so geht das trotzdem nicht. Sie ist zu unkonventionell!"
Für Khar war das ebensowenig ein Argument, wie es das für mich gewesen war, als ich es das erste mal gehört hatte. Er meinte, daß unkonventionelle Lösungen doch nicht per se etwas Schlechtes waren. Ich forderte das Mädchen auf, genauer zu erklären, welche Probleme unkonventionelle Lösungen aufwerfen.
"Wie du sicherlich weißt, Khar, habe ich Pädagogik studiert und dabei lernt man eben auch, daß man Menschen bei der Arbeit nicht zu viele Lernschritte auf einmal abverlangen darf, wenn man will, daß sie ihre sonstigen Aufgaben noch erfüllen können. Wenn du etwas so unkonventionelles auf eine Rutsch einführen willst, dann wird das Ergebnis sein, daß zuerst einmal gar nichts mehr funktioniert, weil die Leute nicht mit arbeiten sondern mit lernen beschäftigt sind."
"Wieso ist das unkonventionell? Das sind doch nur drei kleine Änderungen!"
Amusiert hörte ich zu, wie die junge Frau dem noch jüngeren Khar Punkt für Punkt auseinandersetzte, das über dreißig einzelne Lernschritte erforderlich waren und wie man sie verteilen mußte, um so etwas einzuführen. Dabei beobachtete ich, wie sich die Mienen der anderen allmählich aufhellten, als sie merkten, daß er das nach und nach einsah. Khar setzte dabei eine immer grummeligere Miene auf, weil er das Gefühl hatte, überhaupt nicht mit seinen Vorschlägen durchzukommen. Als ich zu dem Schluß gekommen war, daß er es begriffen hatte, sagte ich, daß ich der Ansicht sei, daß man diese Vorgehensweise lernen solle, da wir nicht wüßten, ob nicht Notfälle eintreten, bei denen dann irgendetwas unserer bisherigen Vorgehensweise nicht mehr funktioniert. Ich nannte für jeden neu zu lernenden Punkt eine denkbare Situation, wo nur Khars Alternativlösung praktikabel blieb, während wir für das was wir bisher gemacht hatten nicht mehr die Mittel hatten und beobachtete amusiert, wie die Mienen der Erwachsenen wieder düsterer wurden, während das 18-jährige Mädchen und Khar plötzlich eifrig darüber redeten, wie man eine solche Lerneinheit tatsächlich in den Alltag einbauen konnte, ohne daß plötzlich gar nichts mehr funktioniert.

Der Rest der Sitzung lief ebenfalls so, daß Khar viele sehr kreative Änderungsvorschläge für alles Mögliche machte und Anna ihm auseinandersetzte, wie viele Lernaufgaben das für die, die es anwenden sollten, bedeuteten. Die meisten dieser Vorschläge notierte ich mir, sagte aber, daß wir den Leuten schon genug Lehrstoff zumuten würden, das sei später dran.

Mir gefiel, wie viel frischen Wind er in die Sitzungen brachte, die anderen schienen es eher lästig zu finden.

Kersti

Fortsetzung:
F1144. Tharon: Miriam zog ein entsetztes Gesicht, bei diesen Worten, holte tief Luft und ließ eine Schimpfkanonade über ungezogene Jungen, die ihre kindischen Ideen ohne jede Vernunft verbreiten wollen, los