erste Version: 2/2019
letzte Bearbeitung: 2/2019

Chronik des Aufstiegs: Die Pforten der Hölle - Der im Nachtmeer wohnt

F1217.

"Als Beschützer der Menschheit vor den Geistern der Verzweiflung erinnere ich mich, was ich in früheren Zeiten getan habe, denn ich brauche dieses Wissen, um in diesem Leben meine Pflicht erfüllen zu können." sagte Khar in einem Japanisch, wie man es aus alten Büchern kennt

Vorgeschichte: F1216. Takumondo: Die paar Brocken der europäischen Sprachen, die ich aufgeschnappt hatte, reichten gerade mal, damit mich der durchschnittliche Wanderarbeiter für dumm hielt

Takumondo, der buddhistische Mönch erzählt:
Dann wurde mir auch klar, woran mich dieser jugendliche spirituelle Meister mit Führungsverantwortung erinnert hatte. In Tibet, einem buddhistischen Staat, gab es so etwas. Dort glaubte man an Reinkarnation und setzte diejengen Kinder, die man als wiedergeborenen Meister erkannt zu haben meinte, ziemlich früh wieder in ihre alten Posten ein. Ich erzählte ihm davon.
"Bei mir war das etwas anders. Als ich das erste mal das Gebäude dieses Ordens betrat, wurde ich zwar tatsächlich als einer ihrer verstorbenen Führer wiedererkannt, aber ich bin nicht deshalb zum Führer ausgewählt worden, sondern weil ich in diesem Leben bereits gezeigt habe, daß ich der einzige bin, der die nötigen spirituellen Fähigkeiten hat, um den Orden gegen Angriffe zu schützen."
Ich glaubte wieder, mich verhört zu haben. Klar, man hört immer wieder Märchen, in denen erzählt wird, daß ein spiritueller Meister alleine durch die Macht seiner friedvollen Ausstrahlung Angriffe verhindern kann. Aber ich hatte das bisher eben für ein Märchen gehalten und geglaubt, daß man seine irdischen Probleme schon durch irdische Handlungen lösen muß. Als ich das sagte, lachte Khar und meinte, daß sie im Kloster schon mit Wasser kochen und die Ställe von Hand ausmisten. Aber zu der Frage mit dem magischen Angriff könnte ich ja einfach eine Umfrage unter den Ordensleuten starten, ob sie das für ein Märchen halten. Ich nahm mir vor, das tatsächlich zu tun.

Damit hatte ich dann meinen nächsten Grund irritiert zu sein. Warum glauben sie in einem europäischen christlichen Orden an Reinkarnation? Meines Wissens tut man das in Indien oder Tibet, aber nicht in Europa oder Japan! In Europa bekommt man damit, so weit ich weiß, Probleme, in Japan ist das einfach keine Frage, die für den Buddhismus relevant ist, weil man sich damit befaßt, sich im Leben richtig auszurichten, nicht mit glauben oder nicht glauben von Dingen, die sich sowieso schwer überprüfen lassen. Der Glaube oder nicht Glaube an Reinkarnation ist eine Verhaftung an eine Überzeugung. Die Realität wird sich nicht ändern, nur weil man das eine oder andere glaubt. Jede derartige Überzeugung ohne Grundlage kann einen aber daran hindern, dem Tod angemessen zu begegnen, wenn man sich ihm stellen muß.

Ich sagte ihm das so. Der Jugendliche sah mich an, lächelte und wechselte die Sprache. In einem Japanisch, wie man es aus alten Büchern kennt, sagte er:
"Als Beschützer der Menschheit vor den Geistern der Verzweiflung erinnere ich mich, was ich in früheren Zeiten getan habe, denn ich brauche dieses Wissen, um in diesem Leben meine Pflicht erfüllen zu können."
Mir lief es eiskalt den Rücken herunter, denn ich kannte diesen Satz.

"Das Einzige, was du jetzt tun kannst, um zur rechten Zeit zu deiner Aufgabe im Leben bereit zu sein, ist deinen Geist so schulen, daß er zu jeder Aufgabe fähig wird." riet mir der Meister

Wie so oft als kleiner Junge war ich zu einer Zeit, wo die anderen jungen Mönche spielten, in die Bibliothek gegangen und hatte mir ein Buch ausgeliehen. Ich hatte mich an einem ruhigen Platz in die Sonne gesetzt, um das alte Buch in Ruhe lesen zu können. Es war die Sorte Buch, die man nicht wirklich glaubt, weil sie Geschichten aus alten Zeiten erzählt, von denen man sich nicht vorstellen kann, daß so etwas wirklich in der Welt passiert.

An irgendeiner Stelle des Buches, das von gruseligen Ereignissen handelte, denen ein Mönch nachging, begegnete der Mönch einem jungen Mann, dessen Aussehen er folgendermaßen beschrieb:
"Der junge Mann vor mir lief neben seinem gesattelten Reitpferd her und hielt es offensichtlich für unnötig, es am Zügel zu führen, denn das Tier blieb auch so mit seiner Nase dicht an der Schulter seines Reiters. Das Sattelzeug war einfach, alt, und an einigen Stellen fachgerecht geflickt. Es war schmucklos, aber das Sattelzeug eines Samurai, eines Kriegers. Der Reiter hatte eine Narbe im Gesicht, die sich quer über das Auge zog, das durch eine Augenklappe verdeckt war und war klein und mager. Auch seine Kleidung war die eines Samurai, aber schmucklos und einfach, nur auf Zweckmäßigkeit ausgerichtet. Pferd und Reiter wirkten müde, als wären sie schon viel zu lange ohne wirkliche Pause unterwegs. Wahrscheinlich war er vom Pferd gestiegen, um sein Tier zu entlasten."
Der Mönch grüßte die beiden und erfuhr, daß sie zum selben Ziel unterwegs waren. Bald darauf war es Zeit für die Mittagspause. Während der Malzeit erzählte der Einäugige, daß er gerufen worden war, um sich um eine Besessene zu kümmern und erwähnte nebenher, daß er an Reinkarnation glaubte. Der Mönch hatte ihm dann so ziemlich dasselbe gesagt, was ich Khar eben gesagt hatte und genau die Antwort bekommen, die Khar mir gegeben hatte.

Nachdem ich diesen Satz gelesen hatte, konnte ich nicht mehr schlafen und tagelang an nichts anderes denken, als daß ich die Beschützer der Menschheit vor den Geistern der Verzweiflung finden mußte, um einer von ihnen zu werden. Der junge Mönch, der mich meist in meinen Meditationen beriet, erkannte das zwar als Anhaftung, war aber ratlos wie er mich davon befreien konnte. Schließlich wurde ich zum Leiter des Tempels geschickt, der sich normalerweise nicht persönlich um die kleinen Jungen kümmert, die für den Tempel erzogen werden. Er ließ mich meine Sicht der Dinge erzählen, erklärte mir, daß er nicht wüßte, ob es diesen Orden an Kriegermönchen noch gäbe. Er fragte mich, ob ich irgendeine Stelle wüßte, wo ich mit meiner Suche nach den Beschützern der Menschheit vor den Geistern der Verzweiflung beginnen könnte. Ich verneinte.
"Ich habe mich bei den anderen weisen Männern des Ordens erkundigt. Sie wissen auch nicht, wo du mit der Suche beginnen könntest. Ich weiß nicht, was du dir für dieses Leben vorgenommen hast. Aber wenn das wirklich dein Plan für dieses Leben ist, wird es dir im Leben begegnen und wenn es sich zeigt, mußt du bereit sein, darauf zu reagieren. Du kommst dem Ziel nicht näher, wenn du den ganzen Tag Gedanken darüber wälzt, wie du dort hinkommst. Das einzige, was du jetzt tun kannst, um zur rechten Zeit zu deiner Aufgabe im Leben bereit zu sein, ist deinen Geist so schulen, daß er zu jeder Aufgabe fähig wird."
Ich dachte über diesen Rat nach und kam zu dem Schluß, daß er recht hatte, daß mich mit noch größerem Ernst als bisher der Schulung meines Geistes zu widmen, tatsächlich das Beste war, was ich tun konnte, um mich auf meine Aufgabe vorzubereiten. Schließlich wußte ich, daß auch Samurai oft meditierten, um die geistige Wachheit zu entwickeln, die man braucht, um im Kampf zu bestehen.

Ich dachte über mein Leben nach und staunte, welch seltsame Wege mich das Schicksal geführt hatte. Lauter Ereignisse, die man normalerweise als großes Unglück sieht, hatten mich Schritt für Schritt zu dem geführt, von dem ich als Kind gewußt hatte, das es meine Lebensaufgabe ist.

Ich erzählte Khar diese Geschichte.
"Du hast recht. Wir arbeiten hier mit Besessenen. Wenn du willst, kannst du mich morgen auf meiner Runde begleiten und sehen, wie wir hier arbeiten." antwortete er.

Ich erwachte, da die Glocke zur Morgenmeditation rief und zog mich an. Als ich fertig war, kam Khar und ich begleitete ihn in den mit buntem Glasfenstern versehenen Raum, wo sie das taten. Es war eine kleine christliche Kirche, die die ganze Gemeinschaft faßte. Er erklärte mir, daß die Person die auf einem Trohn, den Khar Wachkanzel nannte, saß tatsächlich durch ihre spirituelle Macht den Orden beschützen sollte und daß sie alle zwei Stunden abgelöst würde.

Danach holten wir Frühstück in der Küche und gingen zu dem alten Mann, Tharon, der Khars Vorgänger im Amt war, um mit ihm gemeinsam zu frühstücken. Khar stellte uns einander vor. Ich konnte sehen, daß der alte Mann im Sterben lag, denn er hatte die Ausstrahlung eines Menschen, der schon die meiste Zeit fort ist. Als ich ihn aber begrüßte, wurde sein Blick plötzlich ganz wach und gegenwärtig und er sagte:
"Willkommen" - er begrüßte mich mit dem Namen des Mönches, der das alte Buch geschrieben hatte - "wie ich sehe, hast du uns endlich wiedergefunden."
Ich starrte ihn wie vor den Kopf geschlagen an, denn mir war plötzlich klar, daß ich das alte Buch geschrieben hatte, daß Khar der Kriegermönch mit dem einen Auge war, dem ich damals in dem anderen Leben begegnet war und auch Tharon hatte ich damals gekannt. Er war der weise Abt des Klosters der Kriegermönche gewesen, die sich um Besessene kümmern. Zu meinem Entsetzen begann ich zu weinen, als wäre ich ein ganz kleines Kind.

Khar schien das weder zu wundern, noch sein Bild von mir zu ändern. Er nahm sacht meine Hand und wartete einfach lächelnd, bis ich mich nach einer halben Ewigkeit wieder faßte. Mir war es unendlich peinlich, daß ich so die Beherrschung verlieren konnte.

Außerdem verstand ich einfach nicht, warum ich plötzlich weinen mußte. Wirklich nicht.

Kersti

Fortsetzung:
F1218. Takumondo: Khiris lächelte und meinte: "Ich sehe schon, du verstehst meine Witze."