erste Version: 2/2019
letzte Bearbeitung: 2/2019

Chronik des Aufstiegs: Die Pforten der Hölle - Der im Nachtmeer wohnt

F1218.

Khiris lächelte und meinte: "Ich sehe schon, du verstehst meine Witze."

Vorgeschichte: F1217. Takumondo: "Als Beschützer der Menschheit vor den Geistern der Verzweiflung erinnere ich mich, was ich in früheren Zeiten getan habe, denn ich brauche dieses Wissen, um in diesem Leben meine Pflicht erfüllen zu können." sagte Khar in einem Japanisch, wie man es aus alten Büchern kennt

Der buddhistische Mönch erzählt:
Die erste Station der Runde, die Khar mit mir ging, war die Schule, wo es hauptsächlich darum ging, daß ich mit einer Lehrerin besprechen sollte, wie ich die europäischen Schriften und die deutsche Sprache lernen sollte. Dabei erfuhr ich, daß es eine Schreibschrift und eine Druckschrift gab und außerdem eine spezifisch Deutsche Druckschrift, die sich Fraktur nannte und eine russische und eine griechische Schrift, die ich nicht so dringend lernen mußte. Ich bekam ein gedrucktes Blatt mit diesen Schriften ausgehändigt und notierte mir daneben, für welche Laute die Buchstaben standen. Die europäischen Schriften unterschieden sich von der japanischen vor allem dadurch, daß die Europäer, jedes Silbenzeichen der japanischen Silbenschriften durch zwei Buchstaben darstellten. Ich bekam auch zunächst eine ungarische Bibel ausgehändigt, bei der ich beginnen sollte, das Johannes-Evangelium zu lesen. Außerdem sollte ich den Deutschunterricht der Kinder aus einem nahegelegenen ungarischen Kinderheim mitmachen, die sie adoptiert hatten, weil sie hier Mönche werden sollten.

Dann gingen wir zu jemandem, von dem mir Khar sagte, er wäre ein Geist aus der tiefen Unterwelt. Er sei nicht eigentlich bessessen, sondern selber aus der Unterwelt gekommen und würde erst in diesem Leben lernen, wie man als Mensch lebt. Ich fragte mich, wie so jemand erscheinen würde, wenn er als Mensch zur Welt kommt und sah ihn entsprechend neugierig an, als ich den Raum betrat. Er wurde hinter Gittern gehalten, begrüßte mich aber auf normal höfliche Weise, als Khar mich ihm als jemanden vorstellte, den er in einem früheren Leben in Japan kennengelernt hätte und der dort gelernt hatte, mit Dämonen umzugehen, daher dürfe sich Khiris, so hieß er, ganz ungezwungen mit ihm unterhalten.

"Na dann kann ich ja nur hoffen, daß ich wirklich mit Dämonen umgehen kann!" dachte ich ironisch.

Tatsächlich war er aber ganz freundlich und stellte mir lauter kleine Geister vor - wobei ich nicht verstand, warum ich da wirklich etwas sah, nicht ganz irdisch aber doch eine so klare Vorstellung, daß ich merkte daß der inkarnierte Dämon und ich ganz offensichtlich dasselbe sahen, wenn wir uns darüber unterhielten. Die kleine Geister waren seine Dämonenkinder und er erzählte mir zu jedem einzelnen, was er jetzt gerade am dringensten lernen mußte, um gut mit Menschen zurechtzukommen. Ich hatte das Gefühl, bei vielen eine Idee zu haben und dann etwas an ihren kleinen Dämonenkörpern zu heilen. Sie waren ja auch so niedliche kleine Fratze! Und frech waren sie! Ich lächelte über ihre frechen Sprüche und Streiche und achtete darauf, daß sie nichts wirklich Gefährliches versuchten, denn wie bei kleinen Kindern kann man sich nicht immer darauf verlassen, daß sie wissen, was gefährlich ist und was nicht. Ich sah auch, daß Khar sich um einige andere kleine Dämonenkinder kümmerte. Plötzlich sagte Khiris irdisch etwas so Merkwürdiges, daß ich zu lachen begann, weil es auch von seinen kleinen feinstofflichen Dämonenkindern hätte kommen können. Er lächelte und meinte:
"Ich sehe schon, du verstehst meine Witze."
"Aber das war doch gar kein Witz." antwortete ich.
"Nein, nicht wirklich. Du bist der erste, der über so etwas lacht. Aber wenn du dich erschreckt hättest, hätte ich behauptet, daß es ein Witz wäre, weil das das Einzige ist, was ich hätte tun können, um die Situation wieder zu entspannen."
Das klang tatsächlich wie eine Taktik, die funktionieren konnte.
"Aber in Wirklichkeit hast du das ernst gemeint und wußtest nicht, wie komisch es ankommen würde, nicht wahr?" antwortete ich.
"Ja. Du mußt unbedingt wiederkommen. Du bist mir eine wirklich große Hilfe." meinte er plötzlich eindringlich.
Bei dem Ton konnte ich nicht anders, als ihm das zu versprechen, fragte mich dann aber sofort, ob ich da nicht etwas versprochen hatte, was ich nicht halten konnte.

Khar lächelte und meinte:
"Ich sehe schon, ich muß dir eine Schicht bei Khiris zuteilen. Und mach dir keine Sorgen. Khiris weiß besser, wie hier alles organisiert ist als du und er versteht es, wenn du mal nicht kannst. Er hat selber schon Wache bei Besessenen gehalten."
"Bei welchen Besessenen?" fragte ich.
"Ach", antwortete Khar grinsend, "einmal war ich der Besessene, nicht wahr Khiris?"
Khiris bestätigte das und meinte:
"Aber komm bloß nicht auf den Gedanken, dich auf ewig in die Höllen davon zu machen. Wir brauchen dich nämlich hier!"
"Ich war nicht freiwillig da!" rief Khar in einem Ton, der deutlich machte, daß das in irgendeiner Form ein Witz war.
"Ja, aber du hast es genossen!" behauptete Khiris in einem gespielt vorwurfsvollen Ton.
"Wie sollte ich auch anders - es gibt dort so süße kleine Dämonen!" rechtfertigte sich Khar und knuddelte eines von Khiris feinstofflichen Dämonenkindern besonders herzlich.
Ich mußte einfach lachen, als ich das sah.

Nach desem kleinen Geplänkel erklärten mir die beiden die Hintergründe. Sie erzählten eine lange Geschichte von Folter und Tod, in der Khar im Verlaufe eines Kampfes durch einen Exorzismus in die Höllen geworfen wurde. Khar hätte theoretisch sofort aus den Höllen zurückkehren können, aber statt das zu tun, arbeitete er ein halbes Jahr daran, all die verletzten Dämonn und Engel zu heilen, die er dort vorgefunden hatte. Sowohl die Engel als auch die Dämonen waren zum größten Teil durch Engel in diese Höllen geworfen worden. Er redete dann natürlich mit verschiedenen Ordensmitgliedern über seine Erfahrungen, schließlich will ein Mensch sich über alles unterhalten können, was in seinem Leben wichtig war. Jedenfalls hatte Khiris ihm dann irgendwann den Vorwurf gemacht, er würde die Dämonen in der Hölle lieber haben als ihn und wenn es noch mehr dort gegeben hätte, die seine Hilfe gebraucht hätten, hätte er sich auf ewig in die Höllen davon gemacht und wäre nie wiedergekehrt. Später war auch Khiris durch einen Exorzismus in die Höllen geworfen worden und stellte fest, daß er sich genauso verhielt, wenn es um seine eigenen kleinen Dämonen ging. Khar hatte ihm dann halb im Scherz dieselben Vorwürfe gemacht, was Khiris dann vor Augen führte, daß es einen wirklich in Erklärungsnot bringt, wenn man so etwas gesagt bekommt. Tatsächlich verliert man die Erde irgendwie aus dem Blick, wenn man die Höllen aufräumt, erklärte er mir und deshalb ist das, was man tut, nicht immer ganz, das was man tun wollte, wenn man beide Welten gleichermaßen im Bewußtsein behalten hätte.

Die Europäer glauben, daß die Wesen aus den Unterwelten böse sind? Ich habe noch nie so viel Liebe an einem Fleck gesehen! Und Khar ist genauso ein Dämon wie Khiris, das kann ich ganz deutlich sehen ... und nebenbei bemerkt bin ich auch einer.

Kersti

Fortsetzung:
F1219. Takumondo: Dabei wurde mir klar, daß es hier wirklich war wie in dem Buch, das ich für eine Art Märchen gehalten hatte