erste Version: 5/2019
letzte Bearbeitung: 10/2020

Chronik des Aufstiegs: Die Pforten der Hölle - Die Beschützer der Menschheit vor den Geistern der Verzweiflung

F1306.

Als ich den Mann reinkommen sah, den Ehon mitbrachte, erstarrte ich

Vorgeschichte: F935. Dirk: Geron entschuldigte sich, daß er nicht früher geschrieben hatte, er hätte aber große Probleme gehabt, sich ausreichend auf die irdischen Angelegenheiten zu konzentrieren

Darko erzählt:
Mein Physiklehrer Ehon sagte mir eines Tages, ich sollte zum Mittagessen zu ihm kommen und für zwei weitere Leute essen mit dorthinbringen. Mich freute das, weil er dann jedes mal irgendeine Kleinigkeit als Geschenk für mich hat und da ich keine Eltern habe, die mir Pakete schicken können, war das wichtig für mich. Außerdem wußte ich, daß die Lehrer häufig Waisen wie mich adoptieren, wenn sie sie öfter einladen und ich mochte Ehon, deshalb gefiel mir der Gedanke. Andererseits wunderte mich das auch. Die eine zusätzliche Malzeit war natürlich für Ehon - aber die andere?

Meist habe ich, wenn ich zu ihm gekommen bin, mit im Wohnzimmer gegessen. Diesmal ging er mit mir durch eine Tür hinten hinaus, die er dafür zuerst aufschließen und hinter uns wieder zuschließen mußte. Ich wußte natürlich, daß hinter den Lehrerhäusern ein Bereich war, wo wir nicht hingehen dürften und es hieß, daß da geheime Forschung betrieben wurde. Tatsächlich war da aber ein Garten und ein Stück Park, durch das ich zu einem anderen Haus ging. In einem Wohnzimmer in dem anderen Haus, sagte mir Ehon, er müßte jemand anders holen, ich soll schon mal den Tisch decken.

Ich verteilte also Teller, Tassen und das Essen auf dem Tisch.

Als ich den Mann reinkommen sah, den er mitbrachte, erstarrte ich. Ich starrte ihn eine halbe Ewigkeit lang einfach nur an, weil ich so etwas noch nie gesehen hatte. Da, wo eigentlich das Auge sein sollte war eine riesige Narbe und einfach nur Haut. Er hatte keine Ohren und auch überall sonst Narben im Gesicht, die ihm ein geradezu dämonisches Aussehen verliehen.
"Du kannst ruhig Fragen stellen, Junge." sagte das Ungeheuer in einem humorvoll freundlich klingenden Ton mit einer Stimme, die völlig normal klang.
"Was ist denn mit dir passiert?" fragte ich.
"Ich bin gefoltert worden. Wenn du willst, kann ich dir mehr darüber erzählen." antwortete er.
"Wer macht denn so etwas? Ich dachte so etwas gibt es nicht mehr!" meinte ich.
"Unglücklicherweise gehören die Täter zur katholischen Kirche und sind dort hoch angesehen." antwortete er.
"Aber warum machen sie das denn?" fragte ich.
"Ich verstehe solche Leute nicht. Jedes Kind weiß, daß andere foltern böse und sie heilen gut ist. Sie foltern Menschen, ich heile sie, trotzdem halten sie sich für die Guten und mich für böse." meinte er.
"Aber warum wissen sie denn nicht, daß das böse ist, was sie machen?"
"Wie gesagt. Ich verstehe es nicht wirklich. Aber da meine Pflegemutter sich erinnern konnte, wie es ist, so zu sein, weiß ich, daß Menschen die so sind wie diese Kirchenleute in Wirklichkeit furchtbare Angst haben, ohne zu wissen, wovor sie sich fürchten. Und weil sie nicht wirklich wissen, was für ihre Angst verantwortlich ist, greifen sie jeden an, ober er ihnen etwas getan hat oder nicht." erklärte er.
Um ehrlich zu sein verstand ich es davon nicht besser. Andererseits fiel mir auch keine weitere Frage ein.

"Und da du dich jetzt so weit entspannt hast, könnten wir ja jetzt an der Stelle beginnen, wo man eine Begegnung mit einem Fremden normalerweise beginnt."
"Wo denn?" fragte ich verirrt.
"Mit der Vorstellung."
Plötzlich wurde mir klar, wie unhöflich ich mich benommen hatte. Ich wurde knallrot und versuchte, mich zu entschuldigen. Es kam aber nur ein völlig unverständliches Gestammel heraus.
"Du hast schon recht. Normalerweise darf man sich so etwas nicht erlauben, weil die meisten Menschen, die so schwer gefoltert wurden, auch in ihrer Selbstachtung Schaden genommen haben. Solche Menschen sind dann oft sehr verletzt und können gar nicht damit umgehen, wenn jeder, der ihnen das erste mal begegnet, erst einmal vor Schock erstarrt. Also ist es wichtig, zu lernen sich bei einer Begrüßung normal zu verhalten, wenn der gegenüber verletzt oder schwer verstümmelt ist. Aber ich habe mich nicht selbst gefoltert. Das war jemand anders. Also weiß ich, daß es nicht mein Fehler ist, daß ich jetzt so aussehe sondern der von diesem anderen." meinte er immer noch in diesem entspannten Tonfall und ich schämte mich erst recht, weil ich so gar nicht in der Lage war, mich normal zu benehmen.
"Wie heißt du denn mein Junge?" fragte er.
"Darko." antwortete ich.
"Ich heißte Khar." antwortete er.

Das Mittagessen danach war aber eigentlich ganz normal. Als wir noch zusammen saßen und redeten, erzählte Khar mir, daß er manchmal Geister sieht und er fragte mich, ob ich den sehen kann, der neben seinem Teller sitzt. Für mich sah das wie ein Kaninchen aus und als er mich fragte, beschrieb ich es und erzählte, daß es da war, weil es Khar mag und ihm deshalb gerne hilft, wenn er das Kaninchen um etwas bittet. Khar konnte das Kaninchen auch sehen und er erklärte, daß er mit solchen Tricks prüft, ob jemand hellsichtig ist und wie genau seine Wahrnehmungen sind. Ich wäre sehr begabt. Mir gefiel, daß mir jemand sagte, daß ich begabt bin.

Weil ich begabt bin, durfte ich auch hier auf das Gymnasium kommen und mußte nicht in dem Heim bleiben, wo man nie so viel essen durfte wie man will und das Essen auch viel schlechter geschmeckt hat. Außerdem sind hier die Lehrer viel netter und sie benutzen keinen Rohrstock, um uns zu hauen wenn wir ungezogen sind, sondern erklären, warum man die Sachen nicht machen darf. Trotzdem sind die schüler hier viel braver als im Heim und sie verprügeln nicht einfach die Kleineren.

Und danach haben wir uns darüber unterhalten, ob ich in die Religionsklasse wollte. Das kam mir wie eine gute Idee vor, weil man wenn man die Religionsklasse geht nachher immer noch alles studieren kann - aber oft darf man auch sein ganzes Leben hier bleiben, während die, die nicht in die Religionsklasse gehen, immer, wenn sie erwachsen sind, weggehen müssen.

Kersti

Fortsetzung:
F1300. Khar: "Wir müssen sowieso mit dem Käfigwagen dorthin. Dann kann ich auch mit." argumentierte ich