erste Version zwischen: 16.5.01 und 29.08.01
letzte Überarbeitung: 5/07
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Einige Zeit war ich mit einer blinden Frau befreundet und unter vielen
anderen Themen habe ich mich mit ihr auch über das Sehen an sich
unterhalten. Nun ist es einer Blinden in unserer Gesellschaft nun
wirklich nicht möglich vollkommen ohne Kontakt zu Sehenden zu leben
- selbst dann wenn ihr Freundeskreis vorwiegend aus Sehbehinderten
besteht. Und sie zählt zu den Menschen, mit einem wachen Geist die
sich über die verschiedensten Dinge ausführlich informieren und
machte zu der Zeit gerade ihr Abitur. Ganz offensichtlich interessierte
es sie, wie Sehende die Welt wahrnahmen, denn sie stellte dazu immer
wieder Fragen. - Es ist also anzunehmen, daß sie theoretisch recht
gut darüber informiert war, wie das mit dem Sehen funktioniert.
Dennoch stellte sie - wenn sie alleine darüber nachdachte Theorien
über das Sehen auf, über die ich herzlich gelacht hätte,
wenn ich alleine gewesen wäre. Beispielsweise konnte sie sich nicht
erklären, warum es möglich sein sollte, wenn zwei Leute
nebeneinander vor einem Spiegel stehen, daß beide auch beide im
Spiegel sehen könnten. - Beim Versuch die Spiegelbilder zu ertasten
wären sie einander schließlich in die Quere gekommen. So
sparte ich mir das Lachen und nannte ihr jeweils die in diesem Bereich
ähnlichste Sinneswahrnehmung um zu erklären, warum es in diesem
Fall anders war, als sie es sich vorstellte. "Lichtstrahlen sind keine
festen Gegenstände wie Hände sondern Wellen wie Töne.
Deshalb kommen sie einander nicht in die Quere wenn sie sich ausbreiten.
Wenn zwei Leute gleichzeitig sprechen, kann man ja auch beide
hören." Ich fand es ein wenig
erschreckend, daß die vielen, extra im Umgang mit Blinden geschulten
Fachkräfte, so für Blinde typische Probleme (nicht nur in dem
Bereich) in all den Jahren nicht hatten passend erklären
können, obwohl ich immer nur ein, zwei Sekunden nachdenken
mußte, ehe mir die passende Erklärung einfiel. Das Bild von dem Blinden und der Farbe ist ja ein geradezu sprichwörtliches Beispiel für jemanden, der ein Thema nur aus der Theorie kennt. Dennoch sind viele Menschen, die etwas nicht aus eigener Erfahrung kennen, der Ansicht, sie wüßten besser über ein Problem bescheid, als andere, die mitten in diesem Problem stecken. Ohne praktische Erfahrungen WEISS man nichts. Man hat nur einen Riesenhaufen unerprobter Theorien darüber. Derjenige allerdings, der mitten in einem Problem steckt, ohne es lösen zu können, hat das genau entgegengesetzte Problem: Ganz viele praktische Erfahrungen - aber viel zu wenige brauchbare Theorien, aus denen man Lösungsansätze entwickeln könnte. Meist ist das darauf zurückzuführen, daß der Betreffende innerlich einfach nicht genug Abstand gewinnen kann, um in Ruhe darüber nachzudenken. Und - damit er die genau passende Lösung findet, reicht es oft, wenn jemand neben ihm sitzt, hm zuhört, während er über das Problem laut nachdenkt und ihn so akzeptiert und achtet, wie er gerade ist. Damit ein Mensch etwas wirklich Gutes über ein Thema schreiben kann allerdings ist beides erforderlich: praktische Erfahrungen und die Fähigkeit komplexe Überlegungen zu ersinnen, die dann zu brauchbaren Theorien führen. |
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Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5,
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http://www.kersti.de/,
Kersti_@gmx.de
Da ich es leider nie schaffe, alle Mails zu beantworten, schon mal
im voraus vielen Dank für all die netten Mails, die ich von
Lesern immer bekomme.