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Was ist an Heiligen so gefährlich, daß man sie unbedingt totschlagen muß? oder Wunder sind wie eine Vergewaltigung

Sieht man sich die Geschichte von Menschen an, die wirklich heiliggesprochen wurden - und da kann man bei Jesus anfangen - stellt man fest, daß auch sie weder fehlerlos sind noch alles besser können. Ihre jeweiligen Zeitgenossen haben jeden von ihnen hart kritisiert, sie für Verrückte, Frevler gehalten. viele wurden für "Missetaten" hingerichtet, die - wenn man es bei Licht betrachtet - niemandem schaden. Ein guter Rat für Heilige wäre also: Wenn du heilig bist, dann paß bloß auf, daß es niemand merkt! Viele Heilige waren sich dessen durchaus bewußt und haben sich sehr bemüht, unbekannt zu bleiben.

"Was ist an Heiligen so gefährlich, daß man sie unbedingt totschlagen muß?" könnte man sich fragen.

Nun: im Wesentlichen sind es die Wunder. Habt ihr noch nie ein Wunder erlebt? Ich meine ein richtiges Wunder. So etwas, das man sich anschaut und dann seinen Augen nicht glaubt. Etwas, wo die anderen meinen, wenn man davon erzählt, das, was man gesagt hat, kann ja gar nicht gemeint gewesen sein. Ich schon. Und ich kann euch sagen: Wunder sind absolut erschreckend und verunsichernd. Die ganze Welt scheint unzuverlässig geworden zu sein und hält sich nicht mehr an die vereinbarten Spielregeln. Wie soll man da sein Leben planen?

Ich gebe ein Beispiel, damit ihr wißt, was ich meine:
Im ersten Semester meines Studiums hatte ich meinen Stundenplan so vollgepackt, daß ich dringend mehr Zeit gebraucht hätte - mindestens zum Schlafen.

Prinzipiell ist das überhaupt kein Problem, denn daß die Zeit einfach vergeht und man sie nur einmal verbrauchen kann, ist eine Illusion. Sie ist eher wie ein Fluß, aus dem man sein Lebensschiffchen herausziehen, eine Stunde am Ufer in die Vergangenheit zurücktragen und dort wieder einsetzen kann. Und dann hat man eine Stunde mehr Zeit. Also: Gedacht getan.

Ich besuchte also wie üblich die Mikroskopierübung an der Uni und stellte wie so oft fest, daß es mir nicht gelungen war, fünf Minuten früher aus dem Unterricht zu kommen, als er laut Stundenplan enden sollte und daß ich deshalb eine Stunde später nach Hause kommen würde. Ich ging zur Straßenbahn, fuhr damit in die Innenstadt und schaute noch einmal auf eine der Uhren, die dort für die Straßenbahngesellschaft aufgestellt sind. Ich traute meinen Augen nicht, denn es war eine Stunde früher als es eigentlich hätte sein können. Also ging ich zur nächsten Uhr, schaute auch da noch mal drauf. Es war immer noch eine Stunde früher, als es eigentlich sein könnte. Also schaute ich auf den Busplan und fuhr am Ende mit einem Bus, der anderthalb Stunden früher fuhr, als der, den ich hätte kriegen können, wenn es mit rechten Dingen zugegangen wäre.

Das ist mir in dem Semester mehrfach passiert.

Ihr, die ihr mich nicht kennt, werdet mir mit ziemlicher Sicherheit ebensowenig glauben, wie ihr glaubt, daß die Wunder des neuen Testaments wirklich geschehen sind. Das wundert mich überhaupt nicht. Ich mußte das Ganze drei mal ERLEBEN, ehe ich fähig war, es als Realität zu akzeptieren. Und mir passieren solche Dinge immer wieder, so daß ich viel geübter darin bin, Unglaubliches als wahr zu akzeptieren, als ihr.

Wunder sind wie eine Vergewaltigung. Sie stellen das ganze Leben auf den Kopf. Man weiß nachher nicht mehr, was man denken und glauben soll. Man bezweifelt, daß man auf irgendetwas auf der Welt vertrauen kann - wenn man sich nicht einmal darauf verlassen kann, daß die Zeit vergeht, wie es sich gehört.

Entsprechend empört werden Leute abgelehnt, die Wunder hervorbringen. Nicht, weil diese Wunder irgendwem schaden würden, sondern weil sie unser Weltbild lächerlich erscheinen lassen. Weil sie uns unwiderlegbar vor Augen führen, daß dieses Weltbild die Naturgesetze nur unvollständig abbildet und deshalb manchmal zu falschen Voraussagen führt. So falsche Voraussagen wie: "Wenn ich mit der Straßenbahn fahre, bin ich eine Viertelstunde später in der Innenstadt als ich an der UNI losgefahren bin." - Tatsächlich bin ich eine 3/4-Stunde früher in der Innenstadt angekommen als ich losgefahren bin. Und wie sollen wir uns ohne Weltbild in der Welt zurechtfinden können? Ohne Weltbild, das ist klar, sind wir hilflos!

Aber - haben denn Heilige ein Weltbild, das solche Wunder vorhersagen kann? Oder wie gehen die damit um, daß sie ständig Wunder verursachen?

Heilige KÖNNEN kein Weltbild haben, das Wunder vorhersagen kann. Denn Wahrheit ist wie ein Lied ohne Ende. Da sie ewig ist, kann man sie nie ganz aussprechen. Ein Weltbild ist ein Konstrukt unseres Denkens und deshalb endlich. Es kann niemals die Realität vollständig wiedergeben, von der es ein Teil ist. Das Weltbild eines Heiligen enthält sicher ein wenig mehr Erklärungen für Dinge, die normalen Menschen wie Wunder erscheinen als das Weltbild eines Durchschnittsmenschen. Aber auch ein Heiliger steht vor seinen von ihm selbst geschaffenen Wundern oft fassungslos davor und kann nicht glauben, das dergleichen möglich ist. Da er aber aus seinen bisherigen Erfahrungen mit Wundern gelernt hat, daß solche Überraschungen normal sind, weil ein Weltbild immer nur ein UNGEFÄHR richtiges Modell der Realität ist, kriegt er sich schneller wieder ein und gerät nicht in Panik. Er verwendet einfach das beste Weltbild, das er hat weiter und verläßt sich darauf, daß es MEIST richtige Vorhersagen macht. In der Realität ist mehr auch nicht notwendig. Um auf der Erde zurechtzukommen, muß man nicht unfehlbar sein - und tatsächlich ist ja niemand unfehlbar. Auch kein Heiliger.

Kersti

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