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erste Version zwischen: 20.04. und 11.05.02
letzte Bearbeitung: 2/2011

VA53.

Sind Schläge oder nicht Schläge in der Erziehung wirklich so wichtig?

Um die Frage zu klären, was in der Erziehung zerstörerisch wirken kann, muß man sich klar machen, was einem Kind als lebensgefährlich erscheinen muß. - Denn all diese Dinge werden in diesem Kind sowohl instinktiv, als auch aus der logischen Überlegung heraus eine Todesangst einjagen. Alles andere mag zwar die Chancen im weiteren Leben schmälern - wird aber nie ganz so dramatisch empfunden werden. Dabei sollte man sich darüber im Klaren sein, daß unsere Instinkte aus einer Zeit stammen, in der es Kinderheime nicht und Pflegeeltern nur in Ausnahmefällen gab. Das heißt ein Kind unter zehn Jahren, das seine Eltern verloren hat, war so gut wie tot.

  • Vernachlässigung
    Ein Kind bis zum dritten Lebensjahr ist in Jäger- und Sammlervölkern noch auf die Milch der Mutter angewiesen. Babys können zusätzlich in keiner Hinsicht für sich selbst sorgen. Deshalb muß es einem Kleinkind als lebensbedrohlich erscheinen, wenn die Mutter in irgendeiner Weise den Eindruck vermittelt, sie könnte irgendwann einfach weg sein, wenn das Kind ihre Hilfe braucht. Darunter fällt aus Sicht des Kindes:
    • Schreienlassen wenn das Kind zur "falschen" Zeit weint, obwohl ihm nichts zu fehlen scheint, muß das Kind als Morddrohung auffassen. Das schlug beispielsweise Freinet vor, weil er beobachtet hatte daß gesunde und ausgeglichene Kinder nur regelmäßig ziemlich genau alle vier Stunden trinken, während kränkliche oder unausgeglichene Kinder unregelmäßig gefüttert werden. - Freinet hat hier Ursache und Wirkung verwechselt. Die (oft durch die Mutter vermittelte) Unruhe oder Krankheit ist die Ursache, warum das Kind häufiger nach der Mutterbrust verlangt - nicht umgekehrt.
    • Wenn die Mutter plötzlich für Tage oder Wochen verschwindet und nur noch fremde Leute da sind - beispielsweise weil das Kind nach der Geburt in die Säuglingsstation gebracht wird, weil ein Kind lange ins Krankenhaus muß, ohne die Mutter sehen zu dürfen, wenn ein Kind an Pflege- oder Adoptiveltern abgegeben wird, jagt das dem Kind eine Todesangst ein. Es könnte ja auch passieren, daß plötzlich niemand mehr da ist!
    • Auch ein "Wenn Du das und das nicht tust, dann rede ich nicht mehr mit Dir" wird ein Kleinkind zu Tode erschrecken - im Falle einer Hungersnot sind früher die am wenigsten geliebten Kinder verhungert, in manchen Kulturen auch in die Sklaverei verkauft worden, wenn die Mutter nicht die Mittel hatte, alle ihre Kinder durchzubringen. Es läßt sich nachweisen, daß Kinder, die das einzige Kleinkind einer jungen unehelichen Mutter waren oder die auf kleinen Höfen das dritte oder vierte Kind in der Erbfolge waren, statistisch deutlich häufiger gestorben sind als erwünschtere Kinder. - Auch dann wenn keine sichtbare Vernachlässigung vorlag.
    • Wenn die Mutter von anderen bedroht wird, dauernd Angst zu haben scheint, oder ernsthaft krank ist - auch hier ist es wieder die Angst, die Mutter zu verlieren.
    In dem Maße, in dem ein Kind fähig wird, sich notfalls selbst durchzuschlagen tritt die Angst vor Vernachlässigung hinter anderen Ängsten zurück.
  • Gewalt, die zu lebensgefährlichen Verletzungen führen könnte
    Wichtig ist, ob das Kind darauf vertraut, daß seine Bezugspersonen es niemals ernsthaft verletzten würden.
    • Das heißt, nicht die Häufigkeit der Schläge ist maßgebend, sondern ob klar ist, daß die Eltern sich selbst genug unter Kontrolle haben und die Folgen ihrer Strafen gut genug einschätzen können, daß das Kind nie befürchten muß, ernsthaft verletzt zu werden. Seltene Schläge, die aber aus unkontrollierbaren Wutanfällen heraus gegeben werden, sind da zweifellos erschreckender, als wenn das Kind täglich geschlagen wird - die Schläge aber berechenbar sind und offensichtlich noch niemanden umgebracht oder fürs Leben geschädigt haben. - Tägliche Schläge sind allerdings ein erzieherisches Armutszeugnis.
    • offensichtlich lebensgefährliche Operationen (ernsthafte Angriffe auf die Geschlechtsorgane werden von unseren Instinkten genauso aufgefaßt) - besonders wenn sie nicht wegen einer ernsthaften Krankheit sondern aus anderen Erwägungen heraus unternommen wurden, untergraben dauerhaft das Vertrauen der Kinder, daß es als wertvoll genug betrachtet wird, um vor Lebensgefährlichem geschützt zu sein. Mädchen, die beschnitten wurden, kann man deshalb oft am Verhalten erkennen. - Sie sind viel braver, nicht übermütig und fröhlich wie andere Kinder.
  • Die Welt nicht verstehen
    Unser Weltbild ist die Grundlage unserer Überlebensfähigkeiten - wenn es geeignet ist, uns Entscheidungen im Leben treffen zu lassen, die sich bewähren, fühlen wir uns sicher. Ein Weltbild, das uns die Wirkung unseres Verhaltens auf unsere Mitmenschen und die Ereignisse in der Natur, nicht ungefähr zutreffend voraussagt, löst Todesängste aus, weil Fehlentscheidungen in der Natur früher oder später tödlich enden. Sehr beängstigend ist deshalb die Vorstellung, sein augenblickliches Weltbild aufgeben zu müssen, weil es falsch ist, ohne ein besseres an seine Stelle setzen zu können.
    Je älter ein Kind wird, desto bedrohlicher erscheint das Gefühl, die Welt nicht zu verstehen. Ein Kleinkind kann es noch den Eltern überlassen, die Gefahren für es aus der Welt zu räumen. Spätestens als Erwachsener, wird einem das niemand mehr abnehmen - und ernsthafte Fehleinschätzungen in wichtigen Dingen enden dann tödlich.
  • Ausstoßung aus der Gemeinschaft
    Während im heutigen Deutschland selbst die gesellschaftlich Ausgestoßenen einen gewissen Schutz und eine notfalls zum Überleben ausreichende Grundabsicherung bekommen - für Obdachlose der Tagessatz des Sozialamtes - ist das in Jäger- und Sammler-Gesellschaften in diesem Maße nicht der Fall. Deshalb wird Ausstoßung aus der Gemeinschaft als lebensgefährlich empfunden. Sehr kleine Kinder sind vor allem auf ihre Eltern angewiesen und werden deshalb mehr darauf bedacht sein, den Normen ihrer Eltern gerecht zu werden, als denen der restlichen Gesellschaft. Jugendliche und junge Erwachsene, die wissen, daß sie bald werden für sich selber sorgen müssen, haben dagegen guten Grund, mehr darauf zu achten, daß sie den Normen der Gesellschaft, in der die Familie eingebettet ist, einhalten. Mobbing wird also als lebensbedrohlich empfunden, selbst wenn es keine an sich lebensbedrohlichen Elemente enthält.
Da Mißstände in all diesen Bereichen von Kindern zu recht als lebensbedrohlich empfunden werden, geht es an der Realität vorbei, die Frage nach Schlägen oder nicht Schlägen zum einzigen oder Hauptthema der gesamten Erziehungsdiskussion zu machen. Sie vollkommen zu vernachlässigen, ginge selbstverständlich ebenso an der Realität vorbei.

Eine gute Erziehung muß vor den Gefahren jedes dieser vier Bereiche schützen. - Möglich ist das nur in einer weitgehend gesunden Gesellschaft, denn nicht alles haben die Eltern in der Hand und auch Eltern sind nur begrenzt belastbar und inwieweit sie beispielsweise dem Kind helfen können, die Welt zu verstehen, hängt zu einem erheblichen Teil davon ab, ob das Kind in seiner geistigen und körperlichen Ausstattung seinen Eltern so ähnlich ist, daß diese das Kind verstehen können - und das ist nicht immer der Fall. Eltern, die blinde Kinder bekommen, sind durch diese Situation oft völlig überfordert, wenn ein Kind wesentlich intelligenter oder dümmer ist als seine Eltern, wenn es körperlich bedingt viel nervöser oder ruhiger ist, wenn es wesentlich mehr oder weniger telepathische Fähigkeiten hat, ist die Gefahr großt, daß das Weltbild der Eltern für die Kinder keinen Sinn ergibt, weil sie die Welt ganz anders erleben.

Kersti

O2. Kersti: Toleranz als Fähigkeit
O3. Kersti: Ist in der Schule das Denken verboten?
V39. Kersti: Wie wird man zum Außenseiter?
V40. Kersti: Als käme ich von einem anderen Stern
V41. Kersti: Das Gewicht einer Gabe
V85. Kersti: Ideale: Was mir wirklich geholfen hat
V86. Kersti: Lerne die Regeln
V92. Kersti: ...als hätte ihnen jemand das Denken verboten!
V107. Kersti: Der Unterschied zwischen konstruktiver und freundlicher Kritik
V108. Kersti: Kritik: Was betreffen mich die Fehler anderer Leute?
V109. Kersti: Das Allwissenheitssyndrom
V111. Kersti: Warum ich "gut" mit "vernünftig" gleichsetzte
V112. Kersti: Telepatie: Jemand, der mich versteht
V114. Kersti: Ausgrenzung: Ich bin zu stolz, um gegen mein Gewissen zu handeln
V143. Kersti: Der Zweck heiligt die Mittel?
V146. Kersti: Wahre Weisheit klingt naiv
V166. Kersti: Außenseiter: Das Opfer ist schuld?
V167. Kersti: 17-jährige Gruppenführer verhindern Ausgrenzung wirksamer als Lehrer
V168. Kersti: Meckerrunde
V169. Kersti: Ein professionelles Layout?
V171. Kersti: Außenseiter: Es tut in der Seele weh, das zu beobachten
V173. Kersti: Was ist Gewissen?
V174. Kersti: Warum ich schreibe, wie es war, ausgegrenzt zu sein
V212. Kersti: Was ist Freiheit?
V285. Kersti: Keine Liebe ohne "Nein"
V300. Kersti: Ohne eigene Erfahrungen keine zutreffende Theorie
V301. Kersti: Um Außenseiter zu integrieren, muß man die Gemeinschaft ändern, die ausgrenzt
V302. Kersti: Strafe dafür, daß man etwas schon vor den anderen kann
V303. Kersti: Sind Jugendbewegte rechts oder links?
V313. Kersti: Einserzeugnis als Gefahrenzeichen
VA1. Kersti: Sekteneigenschaften als Folge von Ausgrenzung
VA2. Kersti: Hoffnungslosigkeit und doch nicht aufgeben
VA5. Kersti: Gefährliche Formen der Aufklärung
VA18. Kersti: Der Unterschied zwischen gleich und gleich
VA30. Kersti: Der Unterschied zwischen Meinungsbildung und Pauken
VA31. Kersti: Warum es unmöglich ist, bei vorurteilsgeladenen Themen auf Wörter zu verzichten, die als abwertend gelten
VA37. Kersti: Die Schuld immer auf den Schwächsten schieben - die beste Methode, um Probleme unlösbar zu machen
VA50. Kersti: Denken verboten Schilder...
VA51. Kersti: Es gibt drei Typen von Vorgesetzten
VA65. Kersti: Lob, Tadel und - darf man einen Hund schlagen?
VA158. Kersti: Was mache ich, wenn der Hund mehrfach einen Freund des Haushaltes oder mein jüngstes Kind beißt?
VA166. Kersti: Eine Schule für Indigokinder?
VA170. Kersti: Was die Entscheidung für die Liebe uns schenkt
VA189. Kersti: Schule: Auslese oder Berufsfindungshilfe
VA197. Kersti: Entwicklungs- psychologische Trennung zwischen materieller Realität, Fantasie und Geistigen Welten
VA209. Kersti: Verwechseln Hunde die menschliche Familie mit einem Wolfsrudel?
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VA254. Kersti: ADHS: Du kannst ja, wenn Du willst!
VA256. Kersti: Werden Indigokinder irrtümlicherweise auf ADHS behandelt?
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VA267. Kersti: Die Spanne zwischen Dogmatismus, Kreativität und Chaos - oder - Ist Ritalin bei ADHS Doping?
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VA272. Kersti: Wenn meine Beispiele alle von mir handeln - heißt das etwa, daß ich selbstbezogen bin?
VA274. Kersti: Sprachverwirrung durch ADHS-Wahrnehmung oder Langweilige Routineaufgaben sind nicht langweilig
VA281. Kersti: Anmerkungen zur Ritalinwirkung
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VA315. Kersti: Hochbegabung: Warum ich nicht wahllos jeden sozialen Kontakt pflege
VA316. Kersti: Warum reden manchmal die angemessenste Handlung zur Lösung eines Problems ist

Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, http://www.kersti.de/ ; Kersti_@gmx.de
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