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Um die Frage zu klären, was in der Erziehung zerstörerisch
wirken kann, muß man sich klar machen, was einem Kind als
lebensgefährlich erscheinen muß. - Denn all diese Dinge
werden in diesem Kind sowohl instinktiv, als auch aus der logischen
Überlegung heraus eine Todesangst einjagen. Alles andere mag zwar
die Chancen im weiteren Leben schmälern - wird aber nie ganz so
dramatisch empfunden werden. Dabei sollte man sich darüber im Klaren
sein, daß unsere Instinkte aus einer Zeit stammen, in der es
Kinderheime nicht und Pflegeeltern nur in Ausnahmefällen gab. Das
heißt ein Kind unter zehn Jahren, das seine Eltern verloren hat, war
so gut wie tot.
- Vernachlässigung
Ein Kind bis zum dritten Lebensjahr ist in Jäger- und
Sammlervölkern noch auf die Milch der Mutter angewiesen. Babys
können zusätzlich in keiner Hinsicht für sich selbst
sorgen. Deshalb muß es einem Kleinkind als lebensbedrohlich
erscheinen, wenn die Mutter in irgendeiner Weise den Eindruck vermittelt,
sie könnte irgendwann einfach weg sein, wenn das Kind ihre Hilfe
braucht. Darunter fällt aus Sicht des Kindes:
- Schreienlassen wenn das Kind zur "falschen" Zeit weint, obwohl
ihm nichts zu fehlen scheint, muß das Kind als Morddrohung auffassen.
Das schlug beispielsweise Freinet vor, weil er beobachtet hatte
daß gesunde und ausgeglichene Kinder nur regelmäßig
ziemlich genau alle vier Stunden trinken, während kränkliche
oder unausgeglichene Kinder unregelmäßig gefüttert
werden. - Freinet hat
hier Ursache und Wirkung verwechselt. Die (oft durch die Mutter
vermittelte) Unruhe oder Krankheit ist die Ursache, warum das Kind
häufiger nach der Mutterbrust verlangt - nicht umgekehrt.
- Wenn die Mutter plötzlich für Tage oder Wochen
verschwindet und nur noch fremde Leute da sind - beispielsweise weil
das Kind nach der Geburt in die Säuglingsstation gebracht wird,
weil ein Kind lange ins Krankenhaus muß, ohne die Mutter sehen zu
dürfen, wenn ein Kind an Pflege- oder Adoptiveltern abgegeben
wird, jagt das dem Kind eine Todesangst ein. Es könnte
ja auch passieren, daß plötzlich niemand mehr da ist!
- Auch ein "Wenn Du das und das nicht tust, dann rede ich nicht mehr
mit Dir" wird ein Kleinkind zu Tode erschrecken - im Falle einer
Hungersnot sind früher die am wenigsten geliebten Kinder
verhungert, in manchen Kulturen auch in die Sklaverei verkauft worden,
wenn die Mutter nicht die Mittel hatte, alle ihre Kinder
durchzubringen. Es läßt sich nachweisen, daß Kinder,
die das einzige Kleinkind einer jungen unehelichen Mutter waren oder
die auf kleinen Höfen das dritte oder vierte Kind in der Erbfolge
waren, statistisch deutlich häufiger gestorben sind als
erwünschtere Kinder. - Auch dann wenn keine sichtbare
Vernachlässigung vorlag.
- Wenn die Mutter von anderen bedroht wird, dauernd Angst zu haben
scheint, oder ernsthaft krank ist - auch hier ist es wieder die Angst,
die Mutter zu verlieren.
In dem Maße, in dem ein Kind fähig wird, sich notfalls selbst
durchzuschlagen tritt die Angst vor Vernachlässigung hinter anderen
Ängsten zurück.
- Gewalt, die zu lebensgefährlichen Verletzungen
führen könnte
Wichtig ist, ob das Kind darauf vertraut, daß seine Bezugspersonen
es niemals ernsthaft verletzten würden.
- Das heißt, nicht die Häufigkeit der Schläge ist
maßgebend, sondern ob klar ist, daß die Eltern sich selbst
genug unter Kontrolle haben und die Folgen ihrer Strafen gut genug
einschätzen können, daß das Kind nie befürchten
muß, ernsthaft verletzt zu werden. Seltene Schläge, die aber
aus unkontrollierbaren Wutanfällen heraus gegeben werden, sind da
zweifellos erschreckender, als wenn das Kind täglich geschlagen
wird - die Schläge aber berechenbar sind und offensichtlich noch
niemanden umgebracht oder fürs Leben geschädigt haben. -
Tägliche Schläge sind allerdings ein erzieherisches
Armutszeugnis.
- offensichtlich lebensgefährliche Operationen (ernsthafte
Angriffe auf die Geschlechtsorgane werden von unseren Instinkten
genauso aufgefaßt) - besonders wenn sie nicht wegen einer
ernsthaften Krankheit sondern aus anderen Erwägungen heraus
unternommen wurden, untergraben dauerhaft das Vertrauen der Kinder,
daß es als wertvoll genug betrachtet wird, um vor
Lebensgefährlichem geschützt zu sein. Mädchen, die
beschnitten wurden, kann man deshalb oft am Verhalten erkennen. - Sie
sind viel braver, nicht übermütig und fröhlich wie
andere Kinder.
- Die Welt nicht verstehen
Unser Weltbild ist die Grundlage unserer Überlebensfähigkeiten
- wenn es geeignet ist, uns Entscheidungen im Leben treffen zu lassen,
die sich bewähren, fühlen wir uns sicher. Ein Weltbild,
das uns die Wirkung unseres Verhaltens auf unsere Mitmenschen und die
Ereignisse in der Natur, nicht ungefähr zutreffend voraussagt,
löst Todesängste aus, weil Fehlentscheidungen in der Natur
früher oder später tödlich enden. Sehr beängstigend
ist deshalb die Vorstellung, sein augenblickliches Weltbild aufgeben zu
müssen, weil es falsch ist, ohne ein besseres an seine Stelle
setzen zu können.
Je älter ein Kind wird, desto bedrohlicher erscheint das
Gefühl, die Welt nicht zu verstehen. Ein Kleinkind kann es noch den
Eltern überlassen, die Gefahren für es aus der Welt zu
räumen. Spätestens als Erwachsener, wird einem das niemand
mehr abnehmen - und ernsthafte Fehleinschätzungen in wichtigen
Dingen enden dann tödlich.
- Ausstoßung aus der Gemeinschaft
Während im heutigen Deutschland selbst die gesellschaftlich
Ausgestoßenen einen gewissen Schutz und eine notfalls zum
Überleben ausreichende Grundabsicherung bekommen - für
Obdachlose der Tagessatz des Sozialamtes - ist das in Jäger- und
Sammler-Gesellschaften in diesem Maße nicht der Fall. Deshalb wird
Ausstoßung aus der Gemeinschaft als lebensgefährlich
empfunden. Sehr kleine Kinder sind vor allem auf ihre Eltern angewiesen
und werden deshalb mehr darauf bedacht sein, den Normen ihrer Eltern
gerecht zu werden, als denen der restlichen Gesellschaft. Jugendliche
und junge Erwachsene, die wissen, daß sie bald werden für
sich selber sorgen müssen, haben dagegen guten Grund, mehr darauf
zu achten, daß sie den Normen der Gesellschaft, in der die Familie
eingebettet ist, einhalten.
Mobbing wird also als lebensbedrohlich empfunden, selbst wenn es keine
an sich lebensbedrohlichen Elemente enthält.
Da Mißstände in all diesen Bereichen von Kindern zu recht als
lebensbedrohlich empfunden werden, geht es an der Realität vorbei,
die Frage nach Schlägen oder nicht Schlägen zum einzigen oder
Hauptthema der gesamten Erziehungsdiskussion zu machen. Sie vollkommen zu
vernachlässigen, ginge selbstverständlich ebenso an der
Realität vorbei.
Eine gute Erziehung muß vor den Gefahren jedes dieser vier
Bereiche schützen. - Möglich ist das nur in einer weitgehend
gesunden Gesellschaft, denn nicht alles haben die Eltern in der Hand und
auch Eltern sind nur begrenzt belastbar und inwieweit sie beispielsweise
dem Kind helfen können, die Welt zu verstehen, hängt zu einem
erheblichen Teil davon ab, ob das Kind in seiner geistigen und
körperlichen Ausstattung seinen Eltern so ähnlich ist,
daß diese das Kind verstehen können - und das ist nicht immer
der Fall. Eltern, die blinde Kinder bekommen, sind durch diese Situation
oft völlig überfordert, wenn ein Kind wesentlich intelligenter
oder dümmer ist als seine Eltern, wenn es körperlich bedingt
viel nervöser oder ruhiger ist, wenn es wesentlich mehr oder weniger
telepathische Fähigkeiten hat, ist die Gefahr großt, daß
das Weltbild der Eltern für die Kinder keinen Sinn ergibt, weil sie
die Welt ganz anders erleben.

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