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Wenn ich über ADHS und Motivation und Handlungssteuerung lese,
ärgere ich mich im allgemeinen richtig, weil mich das an einem immer
wieder gehörten Vorwurf erinnert:
Du kannst ja, wenn Du willst!
In meiner Kindheit bekam ich (Kersti) oft etwas gesagt,
das einerseits wahr war - andererseits aber auch ein
schrecklich ungerechter Vorwurf:
"Du kannst ja, wenn Du willst!"
Wahr war es, denn wenn ich etwas von ganzem Herzen will,
kann ich eine ganze Menge, was ich sonst nicht kann.
Ein ungerechter Vorwurf ist es aber deshalb, weil ich
viele Arbeiten eben tatsächlich nicht mehr zuendebringen
kann, wenn ich drei gute Gründe habe es zu wollen und
vier, es nicht zu wollen.
Während ich arbeite irren meine Gedanken eben oft ab,
und zwar so sehr, daß ich die Arbeit unterbreche, um
beispielsweise Wasser für die Blumen zu holen und was
es für tausenderlei Arbeiten gibt, auf die man kommen
könnte. Bei diesen Arbeiten irren meine Gedanken dann
natürlich auch oft ab - aber das bringt mir für
die ursprüngliche Arbeit nur dann etwas, wenn diese
genug Stellen hat über die man nachknobeln kann, bis
man eine Lösung hat, Stellen, zu denen meine Gedanken
bei ihren Wanderungen abirren können, so daß sie
mich wieder an die Arbeit schicken.
Eine langweilige Routinearbeit kriege ich erledigt,
wenn ich, während ich meine Gedanken wandern lasse oder andere
Arbeiten tue, regelmäßig merke,
daß ich sie irgendwofür brauche.
Wenn ich sie nur brauche, weil der Lehrer sie am
nächsten Morgen kontrolliert, wird sie nicht fertig,
weil ich nach der ersten Unterbrechung nie wieder daran denke,
daß ich das doch tun wollte. Und am nächsten Morgen,
wenn der Lehrer sie kontrolliert ist es zu spät sie noch schnell
zu erledigen.
Ich finde es ungerecht, daß andere eine solche Routinearbeit
auch erledigen können, wenn sie eigentlich nicht wollen!
Sind ADHS-Kinder schlechter darin, eigene Gefühlszustände
zu regulieren als andere Kinder?
ADS-Kinder neigen zu deutlich überschießenden
Gefühlsreaktionen, was die Abspeicherung von Wissen auf
Interessengebieten erheblich verbessert, bei Gebieten des
Desinteresses aber verschlechtert
( B131.1).
Diese Aussage ist richtig und wird durch die Berichte Erwachsener
mit ADHS uneingeschränkt bestätigt. Die folgende Aussage
kann ich jedoch nicht bestätigen:
Die Selbstregulation der Gefühlszustände von
ADHS-Kindern ist oft schlecht. Negative Gedankensowie der negative
Gefühlszustand beim ungeliebten Schreiben von normalem
Lernstoff kann zu der Einstellung führen: "Ich fang gar
nicht erst an"
( B131.1).
Ich habe ja auch viel mehr zu regulieren ...
Zwar bin ich durchaus oft beim "Ich fang gar nicht erst an!"
gelandet - aber es liegt nicht daran, daß ich unfähig wäre,
meine Gefühle zu regulieren. Im Gegenteil: Ich beherrsche
viel mehr Techniken der Gefühlsregulation als der
Durchschnittsmensch:
- Ich kann jedes Gefühl direkt aufrufen, ohne einen
vermittelnden Gedanken oder eine Situation. Es ist so,
daß ich sozusagen den Schalter im Körper gefunden habe,
den ich berühren muß, um das jeweilige Gefühl aufzurufen.
Wenn ich will kann ich einfach, indem ich das tue, die
Gefühle Trauer, Freude, Wut, Interesse ohne jeden äußeren
Anlaß innerhalb weniger Sekunden nacheinander erleben.
- Ich kann Vorstellungen und Gedanken benutzen, um ein
bestimmtes Gefühl hervorzurufen. Beispielsweise indem ich mich
auf etwas Schönes konzentriere um entspannt und ruhig zu werden.
- Ich ändere oft die äußere Situation, um ein Gefühl
hervorzurufen.
Von jeder dieser Regulationsmöglichkeiten gibt es viele
Varianten, die ich bei Bedarf verwende.
Als Kind war ich darin nicht ganz so gut wie ich es heute
bin - aber ich war immer noch besser als Gleichaltrige.
Nur leider gibt es da bei mir auch viel mehr zu regulieren.
Und meine Gefühle reagieren nicht nur auf meine eigenen
Regulationsversuche sofort und genau wie ich es will, so
lange der Körper noch fähig ist ein Gefühl zu produzieren,
sie reagieren genauso heftig auf jeden äußeren Anlaß.
Und da habe ich halt eine ganze Menge zu tun wenn ich das
wieder auf das von mir gewünschte Gefühl einregulieren
will, wenn ich von außen ständig gestört werde.
Nun stellt sich die Frage, ob andere ADHS-Kinder auch mehr Techniken
der Gefühlsregulation beherrschen als Gleichaltrige, oder ob
ich diesen Vorsprung hatte, weil ich intelligenter bin, als das
durchschnittliche Kind mit ADHS. Meine Erfahrungen mit Diskussionen
über Gefühle legen nahe, daß wahrscheinlich die
meisten Menschen ihre Gefühle nicht getrennt von ihren
Gedanken wahrnehmen können. Etwas das jedes Kind mit ADHS
zwangsläufig auseinanderzudividieren lernt: die
Überschießenden Gefühlsreaktionen der ADHSler
führen dazu, daß man beinahe zwangsläufig
merkt, daß ein Gedanke nicht immer
dasselbe Gefühl hervorruft.
Außerdem sind Kinder mit ADHS-Veranlagung auf diese
Gefühlsregulation angewiesen. Kinder ohne diese
Veranlagung kommen auch ohne zurecht.
- Ein Kind ohne ADHS setzt sich einfach an eine
ungeliebte Hausaufgabe und macht es eben.
Bei einem Kind ohne ADHS werden störende Reize ohne bewußte
Anstrengung ausgeblendet und es kann einfach weiterarbeiten.
- Ein Kind mit ADHS kann das buchstäblich nicht, weil die
Gedanken dann abirren und die Arbeit deshalb nie fertig wird.
Ein Kind mit ADHS muß jede dieser Störungen BEWUSST
zur Seite schieben. Das ist anstrengend und führt dazu,
daß viele Arbeit so ermüdend ist, daß man
sie buchstäblich nicht fertig machen kann. Nur wenn es
mit sehr viel Begeisterung bei der Sache ist oder sehr viel
Angst vor einem Versagen hat, gelingt ihm das automatische
Ausblenden. Also sind Selbstmotivationstechniken für
das Kind mit ADHS unbedingt notwendig, um um ein normales Maß
an Arbeit überhaupt bewältigen zu können.
- Ein Kind ohne ADHS ist gefühlsmäßig wesentlich
ausgeglichender als eines mit ADHS. Gefühle ändern sich
langsamer und gelangen selten in die Extrembereiche, in
denen Arbeiten buchstäblich unmöglich ist oder das Leben
zur Qual wird. Wenn das allerdings passiert, kommen Menschen
ohne ADHS da auch nicht so schnell wieder heraus.
- Das Kind mit ADHS, das erlebt täglich mehrfach heftige
Gefühlszustände, in denen Arbeiten oder auch nur sinnvolles
Sprechen unmöglich ist. Es kehrt aber auch sehr schnell wieder
in den grünen Bereich zurück. Kinder mit ADHS kommen also
regelmäßig in Situationen, in denen sie ihre Gefühle
regulieren müssen um handlungsfähig zu bleiben.
- Gefühlsregulationstechniken wirken bei ADHS-Veranlagung
deutlich stärker als bei Kindern ohne ADHS, was das erlernen
von Regulationstechniken wesentlich vereinfacht, da der
Erfolg sichtbarer ist.
Kurz zusammengefaßt: Kinder mit ADHS sind nicht schlechter
sondern besser darin, ihre Gefühle zu regulieren, als
Gleichaltrige ohne ADHS! Allerdings gibt es ein paar gute Gründe,
warum man das von außen nicht sehen kann.
Das Gehirn von Menschen mit ADHS filtert wesentlich weniger Daten
aus als das von Menschen.
- deshalb kommt es immer wieder vor, daß Sinneswahrnehmungen
auf den ADHSler so überwältigend wirken, daß er
buchstäblich handlungunfähig wird. Das kann sich darin
äußern daß er erstarrt, um nicht selber noch
zusätzliche Sinneswahrnehmungen im eigenen Körper zu
produzieren oder aber darin daß er in Tränen ausbricht
oder Gegenstände anbrüllt, um die Spannung abzubauen.
- Wenn sie sich täglich in einer lauten, mit vielen
Sinneswahrnehmungen ausgestatteten Umwelt aufhalten, wie
die Schule es ist, ist das ein Dauerstreß.
ADHSler gehen damit unterschiedlich um.
- Die einen versuchen ständig im Streß zu bleiben,
um nicht die Erschöpfungszustände erleben zu müssen,
die regelmäßig auftauchen, sobald der Streß
nachläßt. Das sind die Hyperaktiven ADHSler.
- Die anderen versuchen sich möglichst viel Ruhe zu
verschaffen und nutzen jede Möglichkeit um zusätzlichen
Sinnesreizen und Anregungen aus dem Weg zu gehen, damit
die Erschöpfung am Abend nicht ganz so groß ist.
Das sind die Hypoaktiven ADHSler.
- Bei einer weiteren Gruppe ist die Überschwemmung
mit Reizen so stark, daß sie das nicht bewältigen
können. Solche Menschen werden psychisch krank,
bekommen Autismus oder dergleichen.
- wenn durch zu allgemeine Fragen auf die falsche Art und Weise
angeregt wird, kann es passieren, daß der ADHSler so sehr
von seinen eigenen Assoziationen dazu überschwemmt wird,
daß nicht genug Arbeitsspeicher im Gehirn frei bleibt,
um das Unwesentliche auszusortieren und die Frage zu beantworten.
- Arbeiten die den Arbeitsspeicher des Gehirns nicht voll
ausnutzen - also beispielsweise langweilige Routinearbeiten
- sind nicht etwa langweilig für den ADHSler - sondern
sie werden so sehr durch zufällig auftauchende andere Gedanken,
Sinneswahrnehmungen und Assoziationen dazu überlagert,
daß ungewöhnlich viele Flüchtigkeitsfehler auftreten
und von Zeit zu Zeit sind die Ablenkungen so übermächtig,
daß man die Routinearbeit buchstäblich vergißt,
während man sie erledigt. Der ständige Kampf gegen
diese Ablenkungen macht Routinearbeiten um so anstrengender
für den ADHSler, je einfacher sie sind.
Deshalb ermüdet er schnell und diese Ermüdung
steigert die Flüchtigkeitsfehlerrate ins unermeßliche.
ADHS hat aber nicht nur Nachteile. Daß das Gehirn weniger Daten
aussortiert hat zufolge daß
- ADHSler viele interessante Assoziationen und Ideen zu
allem was ihnen begegnet haben und deshalb oft der Ideenlieferant
für eine ganze Arbeitsgruppe sind.
- ADHSler sich bei allem was sie hören oder lesen
an mehr Details aus anderen Lebensbereichen erinnern und
deshalb sehr gut darin sind, Wissen auf andere Forschungs-
und Arbeitsbereiche zu übertragen.
- ADHSler sind bei allen kreativen Berufen im Vorteil gegenüber
allen nicht-ADHSler die ansonsten eine ähnliche Begabungsstruktur
aufweisen.
- ADHSler können komplexe Probleme mit mehreren logischen Pfaden
besser durchschauen als nicht ADHSler (vernetztes Denken).
- Sie sind besser darin, scheinbar zusammenhanglose Einzelheiten zu
einem logischen Gesamtbild zusammenzufügen (Synthese). Das ist
darauf zurückzuführen, daß sie zu jeder Einzelheit mehr Assoziationen
haben.
- Sie haben mehr Intuition. Auch das ist darauf zurückzuführen, daß
weniger Daten ausgefiltert werden.
Die Häufigkeit ADHS liegt bei etwa 5-10% der Bevölkerung.
Grundsätzlich ist ADHS so häufig oder selten, daß
die Vorteile im Überlebenskampf genauso groß oder klein
sind wie die Nachteile. Das wird dadurch sichergestellt, daß
bis etwa 1950 die Nahrung nicht für alle Menschen gereicht
hat und man nur so viele Kinder großziehen konnte, wie man
mit seinen Fähigkeiten ernähren konnte.
Haben Kinder mit ADHS Schwierigkeiten in der Handlungsplanung?
In Büchern über ADHS findet man immer wieder die
Aussage, daß Kinder mit ADHS Schwierigkeiten in der
Handlungsplanung hätten.
Aber - sind diese Kinder wirklich schlechte Planer?
Für andere kann ich gute Pläne machen
Ich unterhielt mich mit einer Freundin, die auch ADHS hat und mit
ihrer Arbeit zum x-ten Male nicht weiterkam. Da sagte sie:
"Für andere kann ich sehr gut Pläne machen, von denen
dann alle begeistert sind. Aber mir gelingt es nie,
mich an meine eigenen Pläne zu halten, egal wie
sorgfältig ich sie mache."
Ich nickte. das Problem kannte ich so gut, daß ich
schließlich diese Art von Planung aufgegeben hatte
und durch völlig andere Tricks dafür gesorgt
habe, daß alles, was ich tun will, erledigt wird.
Durch die heftigen Gefühlsschwankungen und die Reizoffenheit des
ADHSlers kann er die Phasen in denen er arbeitsfähig ist, nicht
ausreichend genau vorraussagen, um darauf eine sinnvolle Planung
aufzubauen. Außerdem sind die inneren und äußeren
Ablenkungen für ihn so übermächtig, daß man meist
die Arbeiten doch in einer anderen Reihenfolge erledigt als
ursprünglich geplant. Und das unabhängig davon, wie sehr man
sich bemüht, sich an den Plan zu halten.
Daß viele Kinder mit ADHS ihre Handlungen kaum planen können,
ist also nicht darauf zurückzuführen, daß sie
unfähig wären zu planen - sondern darauf, daß sie merken,
daß es ihnen sowieso nicht gelingt, sich an iohre Pläne zu
halten.
Lösen läßt sich dieses Problem nur, indem man
spezielle auf ADHS abgestellte Planungstechniken verwendet.
- Organisiere die Arbeit so, daß Dir immer, wenn Du Dich hast ablenken lassen, die Arbeit die Du erledigen wolltest wieder begegnet, so daß Du wieder daran denkst.
-
-
ADHS und Schule
Kapitel 2, Abschnitt 5; S. 12ff
- Ergebnisse aus amerikanischen Studien über Kinder mit ADHS
zeigen, daß sie in den Schulleistung gegenüber ebenso
begabten Kindern ohne ADHS zurückbleiben.
- In IQ-Tests schneiden sie im statistischen Durchschnitt
7-10 IQ-Punkte schlechter ab als ihre nicht betroffenen
Altersgenossen, sie zeigen jedoch das gleiche Intelligenzspektrum
wie ihr Altersgenossen.
- Teilleistungsstörungen im Lesen, schreiben und rechnen sind
häufiger. Zahlenangaben schwanken je nach Definitiopn 10-30%,
bei manchen Definitionen auch 85%
- häufigere Sprachentwicklungsverzögerungen
- bis zuz 52% der ADS-Kinder haben Schwächen in der Motorik.
Z.B. Auge-Hand-Koordination
- Anstrengungsbereitschaft und Motivation sind
reduziert. ADS-Kinder sind auf unmittelbare Verstärkung
bei der Aufgabenbewältigung angewiesen.
- ADS-Jungendliche und Erwachsene sind oft in Verkehrsunfälle
verwickelt. Es finden sich vermehrt Schlafprobleme. Auch besteht
bei ihnen eine deutlich höhere Suizidgefährdung.

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