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VA254.

ADHS: Du kannst ja, wenn Du willst!

Wenn ich über ADHS und Motivation und Handlungssteuerung lese, ärgere ich mich im allgemeinen richtig, weil mich das an einem immer wieder gehörten Vorwurf erinnert:

Du kannst ja, wenn Du willst!

In meiner Kindheit bekam ich (Kersti) oft etwas gesagt, das einerseits wahr war - andererseits aber auch ein schrecklich ungerechter Vorwurf:
"Du kannst ja, wenn Du willst!"

Wahr war es, denn wenn ich etwas von ganzem Herzen will, kann ich eine ganze Menge, was ich sonst nicht kann. Ein ungerechter Vorwurf ist es aber deshalb, weil ich viele Arbeiten eben tatsächlich nicht mehr zuendebringen kann, wenn ich drei gute Gründe habe es zu wollen und vier, es nicht zu wollen.

Während ich arbeite irren meine Gedanken eben oft ab, und zwar so sehr, daß ich die Arbeit unterbreche, um beispielsweise Wasser für die Blumen zu holen und was es für tausenderlei Arbeiten gibt, auf die man kommen könnte. Bei diesen Arbeiten irren meine Gedanken dann natürlich auch oft ab - aber das bringt mir für die ursprüngliche Arbeit nur dann etwas, wenn diese genug Stellen hat über die man nachknobeln kann, bis man eine Lösung hat, Stellen, zu denen meine Gedanken bei ihren Wanderungen abirren können, so daß sie mich wieder an die Arbeit schicken.

Eine langweilige Routinearbeit kriege ich erledigt, wenn ich, während ich meine Gedanken wandern lasse oder andere Arbeiten tue, regelmäßig merke, daß ich sie irgendwofür brauche. Wenn ich sie nur brauche, weil der Lehrer sie am nächsten Morgen kontrolliert, wird sie nicht fertig, weil ich nach der ersten Unterbrechung nie wieder daran denke, daß ich das doch tun wollte. Und am nächsten Morgen, wenn der Lehrer sie kontrolliert ist es zu spät sie noch schnell zu erledigen.

Ich finde es ungerecht, daß andere eine solche Routinearbeit auch erledigen können, wenn sie eigentlich nicht wollen!

Sind ADHS-Kinder schlechter darin, eigene Gefühlszustände zu regulieren als andere Kinder?

ADS-Kinder neigen zu deutlich überschießenden Gefühlsreaktionen, was die Abspeicherung von Wissen auf Interessengebieten erheblich verbessert, bei Gebieten des Desinteresses aber verschlechtert (Buch: B131.1).

Diese Aussage ist richtig und wird durch die Berichte Erwachsener mit ADHS uneingeschränkt bestätigt. Die folgende Aussage kann ich jedoch nicht bestätigen:
Die Selbstregulation der Gefühlszustände von ADHS-Kindern ist oft schlecht. Negative Gedankensowie der negative Gefühlszustand beim ungeliebten Schreiben von normalem Lernstoff kann zu der Einstellung führen: "Ich fang gar nicht erst an" (Buch: B131.1).

Ich habe ja auch viel mehr zu regulieren ...

Zwar bin ich durchaus oft beim "Ich fang gar nicht erst an!" gelandet - aber es liegt nicht daran, daß ich unfähig wäre, meine Gefühle zu regulieren. Im Gegenteil: Ich beherrsche viel mehr Techniken der Gefühlsregulation als der Durchschnittsmensch:
  • Ich kann jedes Gefühl direkt aufrufen, ohne einen vermittelnden Gedanken oder eine Situation. Es ist so, daß ich sozusagen den Schalter im Körper gefunden habe, den ich berühren muß, um das jeweilige Gefühl aufzurufen. Wenn ich will kann ich einfach, indem ich das tue, die Gefühle Trauer, Freude, Wut, Interesse ohne jeden äußeren Anlaß innerhalb weniger Sekunden nacheinander erleben.
  • Ich kann Vorstellungen und Gedanken benutzen, um ein bestimmtes Gefühl hervorzurufen. Beispielsweise indem ich mich auf etwas Schönes konzentriere um entspannt und ruhig zu werden.
  • Ich ändere oft die äußere Situation, um ein Gefühl hervorzurufen.
Von jeder dieser Regulationsmöglichkeiten gibt es viele Varianten, die ich bei Bedarf verwende. Als Kind war ich darin nicht ganz so gut wie ich es heute bin - aber ich war immer noch besser als Gleichaltrige.

Nur leider gibt es da bei mir auch viel mehr zu regulieren. Und meine Gefühle reagieren nicht nur auf meine eigenen Regulationsversuche sofort und genau wie ich es will, so lange der Körper noch fähig ist ein Gefühl zu produzieren, sie reagieren genauso heftig auf jeden äußeren Anlaß. Und da habe ich halt eine ganze Menge zu tun wenn ich das wieder auf das von mir gewünschte Gefühl einregulieren will, wenn ich von außen ständig gestört werde.

Nun stellt sich die Frage, ob andere ADHS-Kinder auch mehr Techniken der Gefühlsregulation beherrschen als Gleichaltrige, oder ob ich diesen Vorsprung hatte, weil ich intelligenter bin, als das durchschnittliche Kind mit ADHS. Meine Erfahrungen mit Diskussionen über Gefühle legen nahe, daß wahrscheinlich die meisten Menschen ihre Gefühle nicht getrennt von ihren Gedanken wahrnehmen können. Etwas das jedes Kind mit ADHS zwangsläufig auseinanderzudividieren lernt: die Überschießenden Gefühlsreaktionen der ADHSler führen dazu, daß man beinahe zwangsläufig merkt, daß ein Gedanke nicht immer dasselbe Gefühl hervorruft.

Außerdem sind Kinder mit ADHS-Veranlagung auf diese Gefühlsregulation angewiesen. Kinder ohne diese Veranlagung kommen auch ohne zurecht.

    • Ein Kind ohne ADHS setzt sich einfach an eine ungeliebte Hausaufgabe und macht es eben. Bei einem Kind ohne ADHS werden störende Reize ohne bewußte Anstrengung ausgeblendet und es kann einfach weiterarbeiten.
    • Ein Kind mit ADHS kann das buchstäblich nicht, weil die Gedanken dann abirren und die Arbeit deshalb nie fertig wird. Ein Kind mit ADHS muß jede dieser Störungen BEWUSST zur Seite schieben. Das ist anstrengend und führt dazu, daß viele Arbeit so ermüdend ist, daß man sie buchstäblich nicht fertig machen kann. Nur wenn es mit sehr viel Begeisterung bei der Sache ist oder sehr viel Angst vor einem Versagen hat, gelingt ihm das automatische Ausblenden. Also sind Selbstmotivationstechniken für das Kind mit ADHS unbedingt notwendig, um um ein normales Maß an Arbeit überhaupt bewältigen zu können.
    • Ein Kind ohne ADHS ist gefühlsmäßig wesentlich ausgeglichender als eines mit ADHS. Gefühle ändern sich langsamer und gelangen selten in die Extrembereiche, in denen Arbeiten buchstäblich unmöglich ist oder das Leben zur Qual wird. Wenn das allerdings passiert, kommen Menschen ohne ADHS da auch nicht so schnell wieder heraus.
    • Das Kind mit ADHS, das erlebt täglich mehrfach heftige Gefühlszustände, in denen Arbeiten oder auch nur sinnvolles Sprechen unmöglich ist. Es kehrt aber auch sehr schnell wieder in den grünen Bereich zurück. Kinder mit ADHS kommen also regelmäßig in Situationen, in denen sie ihre Gefühle regulieren müssen um handlungsfähig zu bleiben.
  • Gefühlsregulationstechniken wirken bei ADHS-Veranlagung deutlich stärker als bei Kindern ohne ADHS, was das erlernen von Regulationstechniken wesentlich vereinfacht, da der Erfolg sichtbarer ist.
Kurz zusammengefaßt: Kinder mit ADHS sind nicht schlechter sondern besser darin, ihre Gefühle zu regulieren, als Gleichaltrige ohne ADHS! Allerdings gibt es ein paar gute Gründe, warum man das von außen nicht sehen kann.

Das Gehirn von Menschen mit ADHS filtert wesentlich weniger Daten aus als das von Menschen.

  • deshalb kommt es immer wieder vor, daß Sinneswahrnehmungen auf den ADHSler so überwältigend wirken, daß er buchstäblich handlungunfähig wird. Das kann sich darin äußern daß er erstarrt, um nicht selber noch zusätzliche Sinneswahrnehmungen im eigenen Körper zu produzieren oder aber darin daß er in Tränen ausbricht oder Gegenstände anbrüllt, um die Spannung abzubauen.
  • Wenn sie sich täglich in einer lauten, mit vielen Sinneswahrnehmungen ausgestatteten Umwelt aufhalten, wie die Schule es ist, ist das ein Dauerstreß. ADHSler gehen damit unterschiedlich um.
    • Die einen versuchen ständig im Streß zu bleiben, um nicht die Erschöpfungszustände erleben zu müssen, die regelmäßig auftauchen, sobald der Streß nachläßt. Das sind die Hyperaktiven ADHSler.
    • Die anderen versuchen sich möglichst viel Ruhe zu verschaffen und nutzen jede Möglichkeit um zusätzlichen Sinnesreizen und Anregungen aus dem Weg zu gehen, damit die Erschöpfung am Abend nicht ganz so groß ist. Das sind die Hypoaktiven ADHSler.
    • Bei einer weiteren Gruppe ist die Überschwemmung mit Reizen so stark, daß sie das nicht bewältigen können. Solche Menschen werden psychisch krank, bekommen Autismus oder dergleichen.
  • wenn durch zu allgemeine Fragen auf die falsche Art und Weise angeregt wird, kann es passieren, daß der ADHSler so sehr von seinen eigenen Assoziationen dazu überschwemmt wird, daß nicht genug Arbeitsspeicher im Gehirn frei bleibt, um das Unwesentliche auszusortieren und die Frage zu beantworten.
  • Arbeiten die den Arbeitsspeicher des Gehirns nicht voll ausnutzen - also beispielsweise langweilige Routinearbeiten - sind nicht etwa langweilig für den ADHSler - sondern sie werden so sehr durch zufällig auftauchende andere Gedanken, Sinneswahrnehmungen und Assoziationen dazu überlagert, daß ungewöhnlich viele Flüchtigkeitsfehler auftreten und von Zeit zu Zeit sind die Ablenkungen so übermächtig, daß man die Routinearbeit buchstäblich vergißt, während man sie erledigt. Der ständige Kampf gegen diese Ablenkungen macht Routinearbeiten um so anstrengender für den ADHSler, je einfacher sie sind. Deshalb ermüdet er schnell und diese Ermüdung steigert die Flüchtigkeitsfehlerrate ins unermeßliche.
ADHS hat aber nicht nur Nachteile. Daß das Gehirn weniger Daten aussortiert hat zufolge daß
  • ADHSler viele interessante Assoziationen und Ideen zu allem was ihnen begegnet haben und deshalb oft der Ideenlieferant für eine ganze Arbeitsgruppe sind.
  • ADHSler sich bei allem was sie hören oder lesen an mehr Details aus anderen Lebensbereichen erinnern und deshalb sehr gut darin sind, Wissen auf andere Forschungs- und Arbeitsbereiche zu übertragen.
  • ADHSler sind bei allen kreativen Berufen im Vorteil gegenüber allen nicht-ADHSler die ansonsten eine ähnliche Begabungsstruktur aufweisen.
  • ADHSler können komplexe Probleme mit mehreren logischen Pfaden besser durchschauen als nicht ADHSler (vernetztes Denken).
  • Sie sind besser darin, scheinbar zusammenhanglose Einzelheiten zu einem logischen Gesamtbild zusammenzufügen (Synthese). Das ist darauf zurückzuführen, daß sie zu jeder Einzelheit mehr Assoziationen haben.
  • Sie haben mehr Intuition. Auch das ist darauf zurückzuführen, daß weniger Daten ausgefiltert werden.
Die Häufigkeit ADHS liegt bei etwa 5-10% der Bevölkerung. Grundsätzlich ist ADHS so häufig oder selten, daß die Vorteile im Überlebenskampf genauso groß oder klein sind wie die Nachteile. Das wird dadurch sichergestellt, daß bis etwa 1950 die Nahrung nicht für alle Menschen gereicht hat und man nur so viele Kinder großziehen konnte, wie man mit seinen Fähigkeiten ernähren konnte.

Haben Kinder mit ADHS Schwierigkeiten in der Handlungsplanung?

In Büchern über ADHS findet man immer wieder die Aussage, daß Kinder mit ADHS Schwierigkeiten in der Handlungsplanung hätten. Aber - sind diese Kinder wirklich schlechte Planer?

Für andere kann ich gute Pläne machen

Ich unterhielt mich mit einer Freundin, die auch ADHS hat und mit ihrer Arbeit zum x-ten Male nicht weiterkam. Da sagte sie:
"Für andere kann ich sehr gut Pläne machen, von denen dann alle begeistert sind. Aber mir gelingt es nie, mich an meine eigenen Pläne zu halten, egal wie sorgfältig ich sie mache."
Ich nickte. das Problem kannte ich so gut, daß ich schließlich diese Art von Planung aufgegeben hatte und durch völlig andere Tricks dafür gesorgt habe, daß alles, was ich tun will, erledigt wird.

Durch die heftigen Gefühlsschwankungen und die Reizoffenheit des ADHSlers kann er die Phasen in denen er arbeitsfähig ist, nicht ausreichend genau vorraussagen, um darauf eine sinnvolle Planung aufzubauen. Außerdem sind die inneren und äußeren Ablenkungen für ihn so übermächtig, daß man meist die Arbeiten doch in einer anderen Reihenfolge erledigt als ursprünglich geplant. Und das unabhängig davon, wie sehr man sich bemüht, sich an den Plan zu halten.

Daß viele Kinder mit ADHS ihre Handlungen kaum planen können, ist also nicht darauf zurückzuführen, daß sie unfähig wären zu planen - sondern darauf, daß sie merken, daß es ihnen sowieso nicht gelingt, sich an iohre Pläne zu halten.

Lösen läßt sich dieses Problem nur, indem man spezielle auf ADHS abgestellte Planungstechniken verwendet.

  • Organisiere die Arbeit so, daß Dir immer, wenn Du Dich hast ablenken lassen, die Arbeit die Du erledigen wolltest wieder begegnet, so daß Du wieder daran denkst.

ADHS und Schule

Kapitel 2, Abschnitt 5; S. 12ff
  • Ergebnisse aus amerikanischen Studien über Kinder mit ADHS zeigen, daß sie in den Schulleistung gegenüber ebenso begabten Kindern ohne ADHS zurückbleiben.
  • In IQ-Tests schneiden sie im statistischen Durchschnitt 7-10 IQ-Punkte schlechter ab als ihre nicht betroffenen Altersgenossen, sie zeigen jedoch das gleiche Intelligenzspektrum wie ihr Altersgenossen.
  • Teilleistungsstörungen im Lesen, schreiben und rechnen sind häufiger. Zahlenangaben schwanken je nach Definitiopn 10-30%, bei manchen Definitionen auch 85%
  • häufigere Sprachentwicklungsverzögerungen
  • bis zuz 52% der ADS-Kinder haben Schwächen in der Motorik. Z.B. Auge-Hand-Koordination
  • Anstrengungsbereitschaft und Motivation sind reduziert. ADS-Kinder sind auf unmittelbare Verstärkung bei der Aufgabenbewältigung angewiesen.
  • ADS-Jungendliche und Erwachsene sind oft in Verkehrsunfälle verwickelt. Es finden sich vermehrt Schlafprobleme. Auch besteht bei ihnen eine deutlich höhere Suizidgefährdung.

Kersti


Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, http://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de
Da ich es leider nie schaffe, alle Mails zu beantworten, schon mal im voraus vielen Dank für all die netten Mails, die ich von Lesern immer bekomme.