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VA263.
Haben Kinder mit ADHS eine unrealistische
Selbsteinschätzung?
Voriger Abschnitt:
VB85.
1. ADHS - Die Suche nach Nervenkitzel
2.1 Ein Unwort: "einfache Routineaufgabe"
Sogenannte "einfache Routineaufgaben" sind für Menschen mit
ADHS um so schwerer zu bewältigen, je weniger Konzentration
sie erfordern. Das liegt daran, daß der für die aktuelle
Aufgabe nicht benötigte Raum im Arbeitsspeicher des Gehirns
beim ADHSler immer sofort mit anderen Ideen und Gedanken gefüllt
wird. Wenn eine Routineaufgabe sehr einfach ist, ist man mehr damit
beschäftigt, die unerwünschten Ideen und Gedanken
wegzuschieben, als damit, die Aufgabe selbst zu erledigen. Und
dennoch geht einem ständig etwas anderes im Kopf herum,
so daß man immer wieder dumme Fehler macht. Manchmal
sind die Ablenkungen durch eigene Gedanken so stark, daß
man seine eigentliche Aufgabe buchstäblich vergißt.
Helfen kann eine Nebenbeschäftigung, die die für
die Aufgabe nicht benötigte Aufmerksamkeit abzieht, ohne bei der
Aufgabenbewältigung zu stören.
Wenn man nun dem Lehrer von diesem Problem erklären will, wird das
sehr erschwert, weil das, was der ADHSler nicht kann "Einfache
Routineaufgabe" heißt. Eine "schwere Routineaufgabe" ist für
ADHSler dagegen durchaus zu bewältigen. Wenn man nun sagt daß
die "einfache" Aufgabe zu schwer ist, glaubt der durchschnittliche
Lehrer, daß man dann ja wohl die "schwere" Aufgabe sicherlich auch
zu schwer finden wird - nur ist die ja tatsächlich einfacher, weil
man seine ganze Aufmerksamkeit dafür braucht - und das heißt, daß
im Kopf nicht so viele zusätzliche dumme Gedanken Platz haben.
Beispielgeschichte, Kersti:
ADHS: Das einfache ist schwierig und das schwere ist einfach
Eine meiner scheußlichsten Erfahrungen mit einer einfachen
Routinearbeit machte ich im Studium im Physikpraktikum.
Im Verlauf des Semesters hatte sich in mir durch Lärm und
Unregelmäßigkeit des Studiums ein Dauerstreßlevel
aufgebaut, bei dem ich beinahe nie richtig arbeitsfähig war.
Ein gefüllter Vorlesungssaal ist einfach zu
laut und voller Ablenkungen für meinen Körper.
Ich mußte für den Praktikumsbericht einige Tabellen
in eine Tabellenkalkulation schreiben.
Das dauerte ewig. Viel zu oft verlor zwischendurch den Faden
und stellte nach einem interessanten Gedankenexkurs frustriert
fest, daß
ich ja immer noch vor dem laufenden Computer sitze - und seit
dem Ende der letzten Abschweifung gerade mal drei Zahlen
weitergekommen bin. Ich suche die Stelle, an der ich aufgehört habe,
schreibe weiter - und am Ende der Spalte und zehn Abschweifungen
später stelle ich fest, daß ich irgendwo beim Abschreiben in der
Zeile verrutscht bin. Ich suche den Fehler, korrigiere ihn und
stelle am Ende der Spalte fest, daß ich die falsche Spalte
abgeschrieben habe. Schließlich höre ich mittendrin auf, weil ich
vom störende-Gedanken-wegschieben so erschöpft bin, daß ich
einem richtigen Ergebnis nicht näher komme.
Natürlich enthält der Praktikumsbericht auch interessantere
Stellen als diese Tabellen. Zum Glück. Denn wenn ich während der
Hausarbeit meine Gedanken schweifen lasse, wandern sie
unaufgefordert zu den ungelösten logischen und sachlichen
Problemen im Praktikumsvbericht. Dann fällt mir immer wieder
eine geniale Lösung ein, die ich dann natürlich sofort
begeistert in aufschreiben muß.
Dabei sehe ich dann auch wieder die Tabellen und setze
mich wieder daran, sobald ich meine Idee notiert habe ....
obwohl ich Stunden mit diesem Zahlen schreiben verbringe,
bin ich am Ende doch wieder einmal nicht sichtbar
weitergekommen.
Als es mir schließlich doch gelungen ist, die Tabellen
in die von mir beabsichtigte Form zu bringen, lobte
der Student, der sie korrigiert hat, meine guten Ideen zur
Auswertung des Praktikums und meinte, er würde staunen,
wie motiviert ich wäre. Aber da wäre in den Tabellen
noch eine Kleinigkeit zu ändern. Es wäre echt nur
eine unwesentliche Kleinigkeit...
Diese Kleinigkeit zu ändern ist mir nicht gelungen, weil
ich bei jedem Versuch, einen Fehler zu korrigieren, anderswo
einen neuen Fehler eingebaut habe. Dabei wußte ich genau,
wie es sein mußte. Nur die Flüchtigkeitsfehlerrate war zu hoch.
Am Ende blieb die Arbeit an meiner Praktikumspartnerin hängen.
die das in ein paar Stunden schaffte, obwohl ich die meiste Arbeit vom Programm
erledigen ließ und sie alles von Hand ausrechnete.
Um mich von diesen Anstrengungen zu erholen, las ich in dieser
Zeit viele Fachbücher zu verschiedenen wissenschaftlichen Themen,
die ich für mein Studium nicht benötigte, da der vorgegebene oder empfohlene
Lesestoff durchaus nicht reichte um meinen Informationshunger zu stillen.
2.2 Der Neid auf Manager und Professoren
2. Manchmal verstricken sie sich in eine Traumwelt und entwickeln
unrealistische Fantasien von den eigenen Fähigkeiten. Sie halten
sich für Supermann und träumen davon, erfolgreich zu sein,
ohne daß sie wüßten, welche konkreten Schritte sie
voranbringen könnten. 1.
Dazu fällt mir folgende Erinnerung ein:
Beispielgeschichte, Kersti:
Ich will auch eine Sekretärin!
Irgendwann wurde einmal in der Schule erwähnt, daß wichtige Leute wie Manager und Professoren ja Sekretärinnen haben, die ihnen die ganzen langweiligen Routinearbeiten abnehmen und die Texte für sie schreiben. Ich war sofort voller Neid. "Wenn ich eine Sektretärin hätte, die mir diese verdammten scheiß Routinearbeiten abnimmt, dann hätte ich bestimmt nur einsen in der Schule!" Der Gedanke mit der Sekretärin ging mir danach nicht wieder aus dem Kopf und ich dachte mir, daß das Leben ja gemein ist, daß man so etwas nur bekommt, wenn man vorher in der Schule gut ist und nicht wenn man es braucht. Vermutlich mußte ich es nur irgendwie schaffen, in eine Position zu kommen, wo ich eine Sekretärin bekomme, dann hätte ich keine Probleme mehr! Nur wie ich das schaffen sollte, war mir schleierhaft - in der Schule hatte ich schließlich keine Sekretärin. Von mehreren Lehrern bekam ich erzählt, daß ich später im Leben nicht zurechtkommen würde, weil ich ständig alles vergessen würde.
Wenn ein Kind mit ADHS davon träumt, Manager oder Ähnliches zu werden, liegt das nicht daran, daß es sich selber überschätzt, sondern daran, daß es seine Schwächen nur zu gut kennt und den Manager um seine Sekretärin beneidet, die ihm alles, was zu bewältigen so unmöglich erscheint, abnimmt! Tatsächlich sah meine Lösung für das ADHS-Problem dann ganz anders aus:
Beispielgeschichte, Kersti:
Der passende Beruf
Tatsächlich machte ich nach der Schule eine Ausbildung zur Bauzeichnerin - Die Lehre wurde durch meine Legasthenie und meine andere Art zu lernen eher frustrierend. Doch danach wurde ich an allen Arbeitsstellen, die ich hatte von meinen Chefs überschwänglich für meine gute Arbeit gelobt. Bis hin zu: "Ich habe mir schon immer so eine Bauzeichnerin gewünscht."
Eine Sekretärin hatte ich natürlich nicht - aber ich kam auch ganz gut ohne aus, weil ich mir für die wenigen Arbeiten, die mir nicht so lagen, eben entsprechend mehr Zeit genommen habe, so daß ich mir sicher war, daß ich da keine blöden Flüchtigkeitsfehler eingebaut habe. Trotzdem war ich insgesamt mit meiner Arbeit sehr schnell.
Es gibt auch für Menschen mit ADHS Arbeitsstellen, an denen sie normale bis weit überdurchschnittliches Leistungen erbringen können. Und diese Arbeitsstellen gibt es auf jedem Niveau und für jede Zusammenstellung an Begabungen. Wenn ein ADHSler eine solche Arbeitsstelle erwischt, merkt der Therapeut jedoch nicht, daß es sich einfach um die passende Arbeitsstelle handelt, sondern er nimmt fälschlicherweise an, das ADHS hätte sich ausgewachsen. Diese Arbeitsstellen gibt es nicht nur auf den oberen Ebenen der Organisationen, sondern auch für einfach Arbeiter oder Angestellte. Nur erfährt das ein Kind in der Schule nicht und befürchtet deshalb, es müßte Manager werden, um endlich den schrecklichen Routinearbeiten zu entkommen, die so unmöglich zu bewältigen sind.
Dennoch haben viele Menschen mit ADHS nicht das Glück, eine solche Stelle zu bekommen. Sie wissen nicht gut genug, wie eine Arbeit beschaffen sein muß, damit ihnen ihre Veranlagung hilft, statt ein Hindernis bei ihrer Bewältigung zu sein. Deshalb können sie nicht gezielt nach einer solchen Stelle suchen.

Folgender Abschnitt:
VB87.
3. ADHS und Kreativität: Erfolg ist nicht einfach Zufall
Quelle
B131.5
Imhof, Margarete & Skrodzki, Klaus & Urzinger, Marianne S. /
Aufmerksamkeitsgestörte, hyperaktive Kinderund Jugendliche im
Unterricht
| |
VA15.
Legasthenie als Krankheit
VA35.
Ich kenne keine Langeweile
VA48.
Direkte Zensur - indirekte Zensur - Gedankenzensur
VA53.
Sind Schläge oder nicht Schläge in der Erziehung
wirklich so wichtig?
VA80.
Wie komme ich zu meinen merkwürdigen
Fähigkeiten?
VA89.
Ist Erleuchtung vielleicht ziemlich blöd, wenn man sie
erreicht?
VA100.
Empathen
VA112.
Geistige Freiheit
VA166.
Eine Schule für Indigokinder?
VA174.
Wie man sich von fremden Gedanken und Gefühlen
abschirmt
VA189.
Schule: Auslese oder Berufsfindungshilfe
VA190.
Der Wert der Empathie
VA197.
Entwicklungs- psychologische Trennung zwischen materieller
Realität, Fantasie und Geistigen Welten
VA218.
Gruppenseelen und multiple Persönlichkeiten
VA220.
Empathie: Wie unterscheidet man eigene Gefühle von fremden?
VA231.
Wenn man zu anders ist, besteht das halbe Leben aus
Mißverständnissen - und die andere Hälfte aus Einsamkeit
VA241.
Verdrängungs- mechanismen
VA242.
Blindenschrift
VA243.
Unbewußte schwarze Magie
VA254.
ADHS: Du kannst ja, wenn Du willst!
VA255.
Das Geschlossene-Anstalt-Phänomen
VA256.
Werden Indigokinder irrtümlicherweise auf ADHS behandelt?
VA260.
Leben mit der Fähigkeit zu vernetztem Denken
VA264.
ADHS: Schwäche oder Dominanz der rechten Hirnhälfte?
VA265.
ADHS: Ein wenig ausgeprägtes Bestrafungs- und
Motivationssystem im Gehirn?
VA274.
Sprachverwirrung durch ADHS-Wahrnehmung oder Langweilige
Routineaufgaben sind nicht langweilig
VA281.
Anmerkungen zur Ritalinwirkung
VA283.
Sehr hohe Soziale Kompetenz von Kindern als Hindernis für das
Verständnis des Sozialverhaltens weniger kompetenter Menschen
VA286.
Wie finde ich heraus, was das richtige Niveau für einen
hochbegabten Schüler ist?
VA290.
Magische Hochbegabung
VB2.
Lernen ist Spiel
VB3.
Das darfst du nicht sagen, du mußt wissen, daß es
falsch ist!
VB4.
Warum ich so viele persönliche Erfahrungen beschreibe
(Damit Forschung da landet, wo sie angewendet werden kann)
VB5.
Spiel macht unser Lernen realitätsbezogen
VB7.
Danke für Kritik
VB12.
Wahres Spiel ist anstrengend
VB50.
Entwicklungspsychologie: Weltbild-Stufen
VB58.
Drei Arten der Disziplin
VB70.
Weitere gesprächs- therapeutische Kniffe
VB71.
Maßlose Grausamkeit: Leben die sich nicht mehr wirklich sortieren lassen
VB72.
Was Vergebung nicht ist
VB76.
Unser Gesamt-Ich steht zu unserem Alltags-Ich in demselben Verhältnis
wie ein Rollenspieler zu seiner Spielfigur
VB81.
Eifersucht als Überlebensinstinkt des Kleinkindes
VB86.
4. ADHS - Je nach Stimmung zeigen sich verschiedene Teile
der Selbsteinschätzung
VB94.
Esoterik: Verdrängung aufheben kann krank machen
VB95.
Die therapeutische Haltung und ihre Macht
VB96.
Das Alien-Problem der außergewöhnlichen Menschen
V4.
Merkwürdige Erfahrungen
V40.
Als käme ich von einem anderen Stern
V41.
Das Gewicht einer Gabe
V86.
Lerne die Regeln
V91.
Instinkte und Freiheit
V92.
...als hätte ihnen jemand das Denken verboten!
V110.
PSI-Fähigkeiten bereichern
V111.
Warum ich "gut" mit "vernünftig" gleichsetzte
V237.
Was ist ein Gedankenkristall
V239.
Sprachliches Denken
V240. Intuition
V241.
Vernetztes Denken wird nur bei inaktiver Gehirnrinde bewußt
V242.
Legasthenie und vernetztes Denken
V253.
Manchmal frage ich mich: "Leben wir überhaupt in derselben
Welt?"
V257.
Leben in zwei getrennten Welten
V265.
Der Unterschied zwischen Kopfblind und verblendet
V277.
Das Prinzip der Narrenfreiheit
V312.
Manchmal wünschte ich mir, ich hätte wenigstens in
irgendeinem Bereich eine durchschnittliche Begabung
V313.
Einserzeugnis als Gefahrenzeichen
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