erste Version: 1/2019
letzte Bearbeitung: 1/2019

Chronik des Aufstiegs: Die Pforten der Hölle - Die Beschützer der Menschheit vor den Geistern der Verzweiflung

F1207.

"Bevor ich dich kennengelernt habe, habe ich es für völlig unmöglich gehalten, daß es solche Menschen wie dich überhaupt gibt." gab Mirko zurück

Vorgeschichte: F1185. Mirko: Danach ging es in unserem Gespräch um die Zustände in den Höllen, die einfach furchtbar sind

Khar erzählt:
Als ich den Brief bekam, der ankündigte, daß Mirko kommen würde, entschied ich, daß ich mir irgendwie die Zeit zusammenkratzen würde, um mit ihm zur Begrüßung ein ausführliches Gespräch zu führen. Das sollte ja wohl irgendwie machbar sein. Es gelang mir tatsächlich mir die Zeit von seiner Ankunft mittags bis zum Abendessen mit Riko freizunehmen. Riko bestand aber darauf, uns beiden beim Abendessen zu sehen, weil er auch mit Mirko reden müßte.

Mein erster Gedanke bei meinem Gespräch mit Mirko war: *Ist der aber erwachsen geworden!* Das klang nun selbst für mich albern, schließlich war ich sechzehn und schon, als ich ihn mit zwölf kennenlernte, war er ein Erwachsener gewesen. Daher wunderte ich mich über mich selbst. Als dann Mirko zu mir sagte, daß er verblüffend fände, wie erwachsen ich geworden wäre, antwortete ich:
"Du wirst lachen. Ich habe gerade dasselbe über dich gedacht."
Er lachte tatsächlich und fragte mich dann, warum ich so etwas über ihn denke.
"Das habe ich mich auch gefragt, schließlich warst du ja längst erwachsen, als ich dich kennengelernt habe. Und letztlich liegt es wohl daran, daß du selbstbewußter geworden bist. Als du mich kennengelernt hast, warst du dir ja nicht sicher, ob du deine eigenen Handlungen unter Kontrolle hast, was jetzt ganz anders ist. Auch dein Umgang mit der Querschnittslähmung ist etwas, das hätte ich dir vor zwei Jahren so nicht zugetraut. Überhaupt wirkst du inzwischen viel selbstbewußter und selbstsicherer. Ich glaube, das ist das, was ich eigentlich gemeint habe, als mir das Wort 'erwachsener' eingefallen ist." überlegte ich laut.
"Meine Vorstellung von 'erwachsener' ging glaube ich in dieselbe Richtung. Als ich dich kennenlernte hast du noch an einigen Stellen wie ein Jugendlicher oder ein Kind gewirkt, auch wenn du die meiste Zeit so kompetent gewesen warst, daß ich mich immer gefragt hatte, ob ich es nun mit einem Universitätsprofessor mit 80 Jahren zu tun hatte oder so." Jetzt wäre es so, daß diese ungeschliffenen Stellen, wo das Kind durchgeschimmert wäre, nicht mehr zu sehen seien und daß ich wie der ideale Chef wirken würde, den sich jeder wünscht.
Ich sah ihn etwas verblüfft an und sagte dann, daß ich mir aber eher ständig überfordert vorkommen würde und machte Witze darüber, daß ich ständig ein Wettrennen mit der Arbeit ausführen würde, was ich nur näherungsweise hinbekam, indem ich die meiste Arbeit für unnütz erkläre. Mirko war aber der Ansicht, daß das gerade deshalb so beeindruckend wirken würde, weil ich in einer Situation, wo niemand mehr wüßte, wie man die Probleme alle lösen sol,l immer noch so wirken würde, als wüßte ich ganz genau, was der jeweils nächste Handgriff ist, den jede Person im nächsten Augenblick tun müßte.
"Das ist aber eine alberne Vorstellung. Das kann doch niemand alles wissen. Die Kunst besteht eben darin die Leute ihre Handgriffe selber planen zu lassen und nur sicherzustellen, daß jeder weiß, was die anderen von ihm brauchen." antwortete ich.
"Mag ja sein, daß das wirklich niemand wissen kann. Trotzdem ist das aber der Eindruck, den du auf andere machst." gab er zurück.
"Soso, ich bin also der der Unmögliches möglich macht?" gab ich ironisch zurück.
"Ja genau der. Bevor ich dich kennengelernt habe, habe ich es für völlig unmöglich gehalten, daß es solche Menschen wie dich überhaupt gibt. Außerdem hast du so einiges getan, was andere Leute schlicht für ein Wunder halten." gab Mirko zurück.
Ich fragte mich, was ich dazu sagen sollte und mir fiel nichts mehr ein. Außer natürlich der Behauptung, ich wäre ganz normal, die mir rausrutschte und die bei Mirko einen heftigen Lachanfall auslöste, bei dem er sich längere Zeit nicht mehr einkriegte.

Dann fiel mir die passende Ausrede ein, um dem Gespräch zu entkommen - es war Zeit fürs Gebet und danach gab es Abendessen. Mirko grinste mich wissend an und begleitete mich in die Kirche.

Dann beim Abendessen fragte Riko als allererstes, was wir denn so besprochen hätten, und statt irgendeine der ernsten Themen zu erwähnen, von denen es wirklich genug gegeben hatte, erzählte Mirko, ich hätte behauptet, ich wäre völlig normal. Riko begann zu lachen. Ich sagte dann, daß er aber gesagt hat, daß er, bevor er mich kannte, geglaubt hätte, daß es völlig unmöglich ist, daß es solche Menschen wie mich gibt, daß ich unmögliches möglich mache und Wunder vollbringen. Und statt das genauso lustig zu finden, wie daß ich normal wäre, meinte er, daß er mich aber auch so beschrieben hätte.
"Alle sind gegen mich!" sagte ich in einem gespielt jammerigen Tonfall.
Er sah mich ernst an und fragte mich, was ich denn für ein Problem damit hätte, daß ich ein ungewöhnlicher Mensch bin.
Zu meinem Ärger brach ich in Tränen aus, dabei sollte man meinen, daß ich dafür wirklich langsam zu alt bin.
"Das würde ich aber auch gerne wissen." meinte Mirko.
"Wenn die Leute meinen, man könnte Wunder wirken, dann verlangen sie doch immer unmöglicher Dinge von einem." sagte ich und konnte einfach nicht mehr aufhören zu weinen.
"Wenn ich jemals von dir verlangen sollte, daß du etwas tust, was du für unmöglich hältst, dann sag mir das. Das steht mir nämlich gar nicht zu, weil ich gar nicht beurteilen kann was du können kannst und was nicht. Bisher war es immer so, wenn ich ein Problem hatte, für das ich keine Lösung weiß und dir davon erzählt habe, dann ist dir sofort eine Lösung eingefallen und oft war sie so verblüffend einfach, daß ich danach das Problem mit links lösen konnte. Trotzdem wäre ich da nie drauf gekommen." sagte Riko.
Diese doch sehr vernünftige Antwort änderte nichts daran, daß ich weinte und damit einfach nicht aufhören konnte. Ich verstand mich selbst nicht und konnte deshalb nicht erklären, warum ich so regierte, es war nur ein ganz schreckliches Gefühl, was da hochkam. Mirko sah mich ganz nachdenklich an und fragte dann:
"Was meinst du - stammen diese Gefühle aus diesem oder einem früheren Leben?"
Plötzlich hielt ich es einfach nicht mehr aus, sprang auf und rannte weg. Dabei fiel mir auf, daß ich mich hier eigentlich zu wenig auskannte. Hier kannte ich keine stille Ecke in der Natur, wo ich mich verstecken konnte, wenn ich meine Ruhe brauchte. Trotzdem sattelte ich die Stute, die mich hierhergebracht hatte und ritt so weit weg, daß ich dachte, mich findet keiner. Als ich abstieg und sie grasen lassen wollte, versuchte sie mich zu trösten, weil sie meinen Kummer spürte. Ich warf mich ins Gras und weinte.

Als ich zurückkehrte war es bereits mitten in der Nacht.

Kersti

Fortsetzung:
F1186. Mirko: "Glaubt eigentlich jeder, mit dem Khar zu tun hatte, an Reinkarnation?" fragte mich Riko kläglich