Eines Tages kam Karima zu mir. Ich sah sofort, daß sie sehr
glücklich war und freute mich zuerst darüber. Dann jedoch
sagte sie:
"Stell dir vor ich bin heute mit Turis verabredet."
Ich starrte sie einen Augenblick schockiert an - dann rannte ich weg,
versteckte mich in den Büschen und brach in Tränen aus.
Sie hatte einen anderen. Bestimmt eine Stunde weinte ich nur.
Als ich begann, darüber nachzudenken schalt ich mich einen Dummkopf, einen Idioten. Ich hatte herausgefunden, wie man die Passwörter des hofeigenen Computernetzes knackt und alles gelesen, was in irgendeiner Form mich und meine Sicherheit betraf.
In den verschlüsselten Unterlagen des Hofes über mich gab es ein psychologisches Gutachten, das genau von diesem Thema handelte. Dort stand, daß Karima sich mit ziemlicher Sicherheit niemals in mich verlieben würde, da wir wie Geschwister aufgewachsen waren und Menschen genetisch dazu programmiert sind, nur nicht verwandte Angehörige der eigenen gesellschaftlichen Schicht zu heiraten. Eigentlich hätte ich es also wissen müssen. Ich dagegen würde mich in sie verlieben, weil sie buchstäblich das einzige weibliche Wesen im richtigen Alter und in erreichbarer Nähe war, das überhaupt menschliches Interesse an mir zeigte. Diesem Schluß muß ich wohl zustimmen. Sollte ich jemals sexuelles Interesse an Karima zeigen - wurde dort empfohlen - solle man mich zwingen Pferdestuten zu beschälen und dabei jedesmal, wenn ich eine sexuelle Reaktion zeigte, eine halbe Stunde foltern. Dieser Vorgang sei solange zu wiederholen, bis ich keine sexuellen Gefühle mehr empfinden könne. Danach solle man die Nerven meines Penis so vom Zentralnervensystem isolieren, daß ich seine Erregung nicht mehr spüren könne, man ihn aber mechanisch reizen könne, um ein Samenerguß für die künstliche Befruchtung von Zentaurenstuten zu erhalten. Karima wäre dann sicherlich froh, wenn ich sie nicht mehr sexuell bedrängen würde. Hier haben sie sowohl mein Verhalten - ich hätte Karima nie in irgendeiner Form bedrängt - als auch Karimas Reaktion falsch eingeschätzt. Doch würde es mir nichts mehr helfen, wenn sie nachher ihren Fehler endeckten. So verkrüppelt zu werden, war um ein paar tausend Prozent schlimmer, als die üblichen schmerzhaften Versuchsreihen, mit denen ich mich täglich abfinden mußte, denn mit Schmerzen kann ich umgehen.
Karima hätte mich nicht absichtlich in eine solche Gefahr gebracht. Aber sie traute ihrem Vater so etwas nicht zu. Es mochte sein, daß sie mit ihrem Kummer zu ihm gerannt war. Und dann war offensichtlich, daß ich in sie verliebt war. Ich hätte es mir nie anmerken lassen dürfen, selbst wenn es mir innerlich so weh tat.
Ich ging zu Geria der Reitlehrerin, um mir
Rat zu holen. Sie erzählte mir, daß Karima
zu ihr gekommen wäre und erzählt hatte,
daß ich weggerannt wäre, als sie von ihrem
Liebsten erzählt hätte.
"Ich habe ihr erklärt, daß du vermutlich in
sie verliebt bist. Sie meinte ,Aber er ist
doch wie ein Bruder für mich, wie könnte
ich mich in ihn verlieben.' Ich habe ihr
gesagt, daß sie niemandem davon erzählen
darf, weil du sonst bestraft wirst."
Mir fiel ein Stein vom Herzen.
"Und du, Jorian darfst so etwas nicht mal denken. Wenn der Herr das
herausbekommt, bringt dich das in Teufels Küche."
Ich brach in Tränen aus. Verzweifelt versuchte ich es zu
unterdrücken, weil ich mit der üblichen Strafe rechnete - nicht
daß sie mich jemals bestraft hätte, aber sie hatte den Befehl
dazu. Doch sie umarmte, streichelte mich und sagte dann:
"Du mußt doch einsehen daß du sie nicht heiraten
kannst..."
"Ich weiß, daß das nicht geht. Ich kann sie nicht
besteigen, wie ein Hengst eine Stute besteigt und wir können nicht
miteinander schlafen wie ein Menschenmann mit einer
Frau schläft. Und außerdem geht sie wenn
sie 18 ist an die Uni und muß dort studieren und wenn sie nach 50
Jahren Studium wiederkommt, bin ich längst tot." antwortete ich,
dann fuhr ich bitter fort "Jedes Sklavenkind, jedes Tier hat eine
Mutter von der eigenen Art, die ihn liebt und ihm zeigt, wie es sein
Leben bewältigen kann. Jeder Mensch und jedes Tier hat andere von
seiner Art, mit denen es spielen kann. Alle haben sie jemanden wie sie,
den sie heiraten können. Und jeder hat eine richtige Arbeit und
muß nicht täglich zu irgendwelchen Versuchsreihen und alle
dürfen sie nach der Arbeit tun was sie wollen und sind nicht in
einer Box eingesperrt..."
Sie sagte, daß viele Tiere nur aufgezogen werden, um geschlachtet
zu werden. Ich widersprach heftig:
"Ja - aber die werden nur einmal geschlachtet und ich muß seit
ich geboren bin täglich zu den Versuchen. Und wenn ich weine, werde
ich auch noch bestraft...."
Wieder weinte ich.
"Ich dachte, es wäre mir gelungen, dir eine Ersatzmutter zu
sein."
"Ja - aber da war ich schon sieben - und vorher hatte ich nur ein
Pferd!"
"Ach Kind..."
Ich erinnerte mich an eine andere Stelle aus
den Unterlagen des Gutes:
Normalerweise hätte ich ihnen empfohlen,
den Zentauren so lange zu foltern, bis er
seinen Widerstand aufgibt. Da ihre Tochter
den Zentauren jedoch so liebt, würde sie
euch das vermutlich nicht verzeihen. Deshalb
empfehle ich, statt dessen eine Person einzustellen,
die dem Zentauren als Pflegemutter
dienen kann.
Die Unterlagen enthielten noch einige solche
Stellen. Karima wußte nicht, wie sehr ihre
Liebe zu mir mich geschützt hatte. Ich habe
es ihr erklärt, doch sie hat es nicht geglaubt.
Deshalb wird sie, wenn sie nur Augen für ihren
Geliebten hat, nicht die notwendigen Maßnahmen
ergreifen, um mich weiterhin zu schützen. Ich
muß einfach eng
genug mit ihr Kontakt halten, daß ich mich
im Notfall an sie wenden kann. Und wenn
das hieß, daß ich ihr dabei helfen mußte,
ihre Beziehung zu ihm zu pflegen, dann
würde ich selbst das tun.
Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5,
34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615,
http://www.kersti.de/,
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Da ich es leider nie schaffe, alle Mails zu beantworten, schon mal
im voraus vielen Dank für all die netten Mails, die ich von
Lesern immer bekomme.