erste Version: 2/2009
letzte Bearbeitung: 6/2009
Peter ist ein Mann, der ganz lieb ist und sich alles gefallen läßt. Er ist Alkoholiker und immer wenn er besoffen ist, wird er gewalttätig.Wenn ein Mensch besoffen ist, kommt es oft vor, daß seine verdrängten Anteile an die Oberfläche kommen. Dadurch wird dann ein Muster offensichtlich, das bei erfolgreicher Verdrängung nur verdeckt vorhanden ist. Auch Menschen, die keine Alkoholiker sind, verdrängen Anteile ihrer eigenen Persönlichkeit. Manche tun das Tag für Tag weitgehend erfolgreich und wundern sich dann, warum ihnen die Fähigkeiten und tiefe Gefühle fehlen, die zu diesen verdrängten Persönlichkeitsanteilen gehören. Bei anderen wird zu verschiedenen Zeiten des Tages oder des Jahres ein jeweils anderer Persönlichkeitsanteil verdrängt und sie wissen dann für einige Teile des Tages nicht was sie gemacht haben. Doch mit jedem Anteil, den wir verdrängen, verlieren wir auch einen Teil unserer Kraft und einen Teil unserer Weisheit. Ein Mensch der große Teile seiner eigenen Persönlichkeit abgespalten und verdrängt hat, verliert auch einen großen Teil der Fähigkeiten, die er hat und einen erheblichen Teil seiner Weisheit, Durchsetzungskraft, Flexibilität, Lebensfreude, Gefühlstiefe und Fantasie. Anteile, die Schmerz erlitten haben und Angst haben, braucht man, um Gefahren zu erkennenDiverse Anteile werden abgespalten, weil sie Erfahrungen gemacht haben, mit denen das Haupt-Ich nicht klarkam. Wenn ein Mensch von seinen eigenen Eltern sexuell mißbraucht, erniedrigt oder körperlich mißhandelt wurde, wenn die Eltern ihm Todesangst eingejagt haben, dann werden oft diejenigen Teile der eigenen Persönlichkeit abgespalten, die diese Erfahrungen gemacht haben.Wenn ein Mensch diejenigen Anteile von sich selbst abspaltet, die das erlebt haben, was schrecklich im eigenen Leben war, so weiß man auch nicht mehr, welche Menschen gefährlich sind und woran man gefährliche Menschen erkennt.
Kinder von Alkoholikern, Menschen bei denen Mißbrauch und Gewalt zum Alltag in der Kindheit zählten und Menschen die oft seelisch tief verletzt worden sind, landen oft deshalb bei Menschen, die dieselben Fehler haben wie die eigenen Eltern, weil sie sich überwiegend an die positiven Erfahrungen mit den Eltern erinnern und die meisten der schlechten Erfahrungen verdrängt haben. Dadurch entstehen dann Phänomene wie das, daß man Angst, die man vor einem Menschen hat, mit Liebe verwechselt. Wenn man zutiefst verletzte Anteile wieder in die eigene Gesamtpersönlichkeit integriert, dann weiß man nachher, woran man gefährliche und gemeine Menschen erkennt und lernt dadurch, sich Freunde zu suchen, die einem gut tun. Anteile, die seelischen oder körperlichen Schmerz erlitten haben, braucht man, um nicht dieselben Fehler zu machen, wie die TäterEinige Familien haben Elemente in ihrer Erziehung, die für jeden vernünftig denkenden Menschen völlig indiskutabel sein sollten. Seltsamerweise neigen gerade diese Elemente der Erziehung auch in Gebildeten Familien von Generation zu Generation weitergegeben und oft heftig verteidigt.Das Kind daß mit Schlägen so mißhandelt wurde, daß es täglich eine Todesangst auszustehen hatte und deshalb vielleicht schon im Krankenhaus war, meint als Erwachsener die Schläge hätten ihm ja nicht geschadet und wären deshalb gut. Das Kind, zu dessen Erziehung zwar durchaus Schläge gehört haben, die aber nicht als ernsthaft bedrohlich empfunden wurden, differenziert da durchaus - "Da kann ich meine Mutter verstehen und da hatte sie unrecht." Und hier werden die Schläge auch als Ausdruck eines Interessenkonfliktes verstanden, nicht als "gute" Erziehungsmethode, die nur zum Besten des Kindes ist. Daneben gibt es noch die Erziehung über Einsicht - als antiautoritäre Erziehung bekannt - wo Schläge nur dann auftreten, wenn die Mutter oder der Vater, manchmal aber auch das Kind nicht mehr weiterweiß. Sie sind dann auch erzieherisch fast unwirksam. Was das Kind nicht eingesehen hat, wird nicht befolgt. Bei verhältnismäßig harmlosen Situationen, wo ein Protest respektiert wird, weiß das Kind sowohl als Kind als auch später als Erwachsener ganz genau, daß da ein Fehler passiert ist. Auch beim Thema Mißbrauch stellt man fest, daß diejenigen, die eine harmlose Erfahrung normalerweise als Fehler erkannt wird, während schwere Erziehungsfehler oft von den Opfern verteidigt werden, bis sie im Rahmen einer Therapie aufgearbeitet worden sind. Wer also seine wehrlosen und verletzten Anteile verdrängt, weiß nachher nicht mehr, welche Handlungen verletzen und wird dadurch letztlich selber zum Täter. Anteile, die unerwünschte angenehme Gefühle hatten, braucht man, um diese Gefühle da erleben zu können, wo man sie haben willEs gibt diverse Situationen in denen angenehme Gefühle das Leben noch schwieriger machen.Wenn ein Kind mißbraucht wird und dabei neben Schmerz und Ekel auch sexuelle Erregung erlebt und die auch mal genießt, dann ist das vielleicht ein so unerträgliches Gefühlschaos, daß man die angenehmen Gefühle verdrängt, um den Täter besser hassen oder fürchten zu können und sich nicht dermaßen zerrissen zu fühlen. Auch wenn eine Person als Hure arbeitet, könnte sie es als höchst unpassend empfinden, wenn sie sich dann in ihre Freier verliebt oder ihre Arbeit genießt und beides deshalb verdrängen, wenn es auftritt. Wenn man sich freut, weil den Eltern etwas Schlimmes passiert ist, weil man findet: "Jetzt sehen die auch mal wie das ist! - Die tun mir schließlich auch immer weh!" - dann fürchtet man vielleicht für dieses unerlaubte Gefühl bestraft zu werden, indem die Eltern einen im Stich lassen. Und das löst Todesangst aus. Menschen, die angenehme Gefühle in Situationen verdrängen, wo sie diese Gefühle nicht sinnvoll verarbeiten können, können diese angenehmen Gefühle dann nachher auch dann nicht erleben, wenn sie sie passend finden würden oder sich herbeiwünschen würden. Deshalb führt Mißbrauch oft dazu, daß man Sexualtität nicht mehr genießen kann. Und wenn man Schadenfreude verdrängt kann man sich auch in anderen Situationen vielleicht nicht mehr freuen. Gewalttätige Anteile und Täteranteile braucht man, um sich durchsetzen zu könnenGewalttätige abgespaltene Anteile der eigenen Persönlichkeit werden oft als Verbrecher empfunden, weil sie alles kaputtschlagen. Sie tragen den Zorn der eigenen Persönlichkeit und da dieser Zorn nicht bei dem, der Unrecht getan hat, abgegeben werden durfte, entläd er sich in den unpassendsten Situationen.Es kommt auch vor, daß Menschen tatsächlich Verbrechen begehen - wie Kindesmißbrauch - und den Anteil abspalten, der das tut und deshalb nicht wissen, daß sie ihr Kind sexuell mißbrauchen. Ein Mensch, der seine wütenden und kämpferischen Anteile abspaltet, wird dadurch wehrlos und machtlos. Wer seine Täter-Anteile aus dem Bewußtsein verdrängt wird dadurch zum wehrlosen Opfer oder opfert sich sogar selber auf. Wenn man sie wieder integriert, statt sie weiterhin abzuspalten, gewinnt man zwei Fähigkeiten. Zum einen bekommt der wieder integrierte wütende Anteil dann das Wissen der Gesamtpersönlichkeit, warum nicht jede Möglichkeit, Zorn auszudrücken, zum Ziel führt. Das heißt, man lernt dadurch seinen Zorn in nützliche Bahnen zu lenken. Zum anderen bekommt die Gesamtpersönlichkeit dadurch ihre Durchsetzungskraft zurück. Das heißt man hat dadurch mit der Zeit weniger Gründe maßlos zornig zu sein, weil man ja die Übeltäter jetzt mit angemessenen Worten und Taten erfolgreich in die Schranken weisen kann. Wer seine Wut angemessen ausdrücken kann, wenn jemand ihm Unrecht tut, hat es nicht nötig zu hassen, sondern die Wut kühlt ab, sobald die Situation vorbei und das Problem gelöst oder einfach nicht mehr aktuell ist. Wenn Worte das Problem lösen können, will er nicht zuschlagen. Hintenherum gemeine Anteile braucht man, um die wahren Gründe für seine Wut und die Täter zu erkennenWenn ein Anteil hintenherum gemein ist, dann steht dahinter sowohl sehr viel Wut als auch sehr viel Angst. Oft stammt ein solches Verhalten aus der Kindheit, als man wirklich sehr vielem völlig wehrlos ausgeliefert war und wenn man sich am Täter - oft die eigenen Eltern - rächen wollte, mußte das in einer Form geschehen, die dieser nicht als Rache erkennen konnte.Wenn ein Mensch hinten herum gemein handelt ist ihm oft nicht bewußt worüber er wirklich wütend ist und daß er sein Gegenüber verletzt. Wer oft hinten herum gemein ist, zerstört sich damit letztlich all seine sozialen Beziehungen, da er Probleme mit ihnen nicht löst, indem er sie direkt anspricht sondern an einer Stelle für das vermeintliche oder reale Unrecht straft, an der derjenige, der die Rache abbekommt nicht weiß, wofür er gerade bestraft wird. Wer seine verängstigten und haßerfüllten hinten herum gemeinen Anteile integriert, wird sich dadurch bewußt, worüber er wirklich wütend ist und hat dadurch erst die möglichkeit, seine Probleme mit anderen Menschen zu lösen. Anteile, die ihre Bosheit mit "Ich meine es doch nur gut!" begründen, braucht man, um verkleidete Bosheit als solche zu erkennenWenn ein Mensch etwas gemeines oder verletzendes tut und das dann mit "Ich meine es doch nur gut!" begründet, hat einen Anteil abgespalten, dem dasselbe angetan wurde und der darüber sehr wütend ist. Da dieser Anteil sich an dem Täter nicht rächen konnte, sucht er sich ein wehrloses Opfer, um seine wut loszuwerden.Wenn ein Lehrer Minderwertigkeitskomplexe hat, weil seine Eltern oder seine eigenen Lehrer ihm eingeredet haben, wer wäre dumm, so geht er nicht zu seinen Eltern oder Lehrern und hält ihnen diesen Fehler vor, sondern er geht zu seinen intelligentesten Schülern und sagt ihnen Dinge, die ihr Selbstbewußtsein untergraben. Sehr oft geschieht das sogar unter dem Vorwand ihnen helfen zu wollen und dem hinten herum Gemeinen ist nichts als die Absicht helfen zu wollen bewußt. Sobald dem Helfenwoller bewußt wird, wie wütend er ist und warum, verschwindet die Neigung, sich an Machtlosen zu rächen, statt sich an den wirklichen Täter zu wenden. Dann erst kann er lernen Menschen, die selber nur Opfer sind, wirklich zu helfen. Der nächste Schritt, ist es die eigenen seelischen Verletzungen zu heilen. Manche Gründe für den Zorn stellen sich danach als inzwischen gegenstandslos heraus: Der frühere Täter hat inzwischen keinerlei Macht mehr über sein früheres Opfer und hat vielleicht schon das gelernt, was er lernen konnte. Vielleicht hat er wieder in Ordnung gebracht, was sich in Ordnung bringen läßt und in den meisten Fällen war er sowieso vorher selber ein machtloses Opfer gewesen. Manchmal sind aber auch noch Handlungen erforderlich: Wenn eine Mutter durch ihre eigenen Eltern geschädigt wurde, sind ihre Kinder vielleicht bei diesen Großeltern nicht sicher und man muß entsprechende Maßnahmen ergreifen. Wer seine verängstigten und haßerfüllten hinten herum gemeinen Anteile integriert, lernt dadurch zu erkennen, wer in seinem Umfeld Täter ist und wer Opfer. Er hört auf, sich einzubilden, daß er sich gegen sein neugeborenes Kind verteidigen müsse oder daß sein Dreijähriger ein furchtbares Ungeheuer wäre, dessen maßlose Bosheit mit Erziehungsmaßnahmen unterdrückt werden müsse. Er hört aber auch auf, sich einzubilden seine Eltern wären die reinsten Engel gewesen, die alles was sie getan haben nur taten, um ihm etwas Gutes zu tun. Er sieht daß Eltern genau solche fehlbaren Menschen sind wie er selbst auch. Er gesteht anderen Fehler zu und ist fähig seine eigenen Fehler wahrzunehmen. Anteile die etwas wissen, das man nicht denken oder glauben darf, braucht man um seine scheinbar unlösbaren Probleme zu lösenIn jeder Gesellschaft gibt es Wahrheiten, die man nicht aussprechen, ja nicht einmal denken darf, das nennt man ein Tabu.
VA50.
Wenn Teile des eigenen Wissens auf diese Weise verboten werden, führt das dazu daß man unangemessen handelt, weil man die Wahrheit nicht ernst nimmt, daß man seelisch wie gespalten ist und zu Vergeßlichkeit. Auch Altersdemenz ist darauf zurückzuführen, daß Vergessen zur Gewohnheit wird und das auf die körperliche Ebene absinkt.
Wenn man sich entscheidet, solche Ideen zuzulassen und sie bewußt und rational auf Stimmigkeit zu prüfen, tritt oft die Angst auf, verrückt zu werden oder böse zu sein, da das zwei der Mechanismen sind, mit denen die Gesellschaft dafür sorgt, daß man gewisse Ideen unterdrückt. Anteile die schwach, traurig oder krank sind, braucht man, um zu wissen, wann man eine Pause brauchtWährend die einen ihre starken und wehrhaften Anteile verdrängen, weil sie fürchten, sonst böse zu sein, verdrängen andere ihre schwachen und weichen Anteile, weil sie fürchten sonst noch mehr verletzt zu werden.Menschen die ihre Verletzlichkeit und Schwäche verdrängen, werden gefühllos und brutal, gehen aber gleichzeitig auch unnötige Risiken ein, mit denen sie sich selber in Gefahr bringen und letztlich verletzen oder sogar umbringen. Wer seine Gefühle und Schmerzen verdrängt, merkt es nicht, wenn er sich selbst wehtut und ist deshalb oft gemein zu sich selbst.
Menschen die eigentlich weinen möchten und es aber verdrängen, werden oft inkontinent, daß heißt sie können nicht verhindern, daß sie sich ständig in die Hose machen. Wenn man die Schwachen und verletzlichen Anteile wieder in seine Persönlichkeit integirert wird man dadurch achtsamer und hört auf, sich selbst zu verletzen und zu überfordern. Insgesamt macht ein behutsamer Umgang mit den eigenen Schwächen stärker und wehrhafter, weil man seine Kräfte geschickter einteilt und sie dann hat, wenn man sie braucht. Verdrängter SelbsthaßMenschen die sehr viele verschiedene Anteile verdrängt habenWenn man einen Persönlichkeitsanteil abspaltet und aus dem Bewußtsein verdrängt, nimmt dieser Anteil auch dasjenige Wissen und diejenigen seiner Gefühle und Fähigkeiten in die Verdrängung mit, die selber nicht Grund für die Verdrängung waren. Er konnte vielleicht gut Klavier spielen und ohne diesen Anteil kann man es nicht mehr oder er trägt das berufliche Wissen, das man sich in einer Lehre erworben hat und man kommt plötzlich nicht mehr im Beruf zurecht.Menschen die viele verschiedene Anteile verdrängt haben sind oft unflexibel und fühlen bei dem, was sie erleben, scheinbar nicht das geringste. Sie erleben das, was sie erleben, nicht wirklich und haben deshalb das Gefühl, als würde die Zeit immer schneller und schneller vergehen. Als wäre schon wieder Weihnachten, wenn Ostern gerade erst vorbei ist. Oft fangen sie auch an, sich selbst die Haut zu ritzen oder sich körperlichen Schmerz zuzufügen, weil sie all ihre Gefühle verdrängt haben und wenigstens irgendetwas fühlen wollen, damit in ihnen nicht eine so furchtbare Leere herrscht.
Auch Suchverhalten gleich welcher Art ist ein Zeichen von Verdrängung. Wer Vieles verdrängt hat, weiß nicht mehr was ihm fehlt und sucht deshalb das, was er braucht an Stellen, wo es nun wirklich nicht zu finden ist. |
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Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5,
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