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erste Version vor: 07.06.00
letzte Überarbeitung: 7/06

V92.

...als hätte ihnen jemand das Denken verboten

Öfters mache ich den Vorschlag, in Gedanken durchzuspielen, welche Wirkung es hätte, wäre eine verrückte Theorie wahr. Immer wieder bekam ich darauf die Antwort: "Aber es kann doch nicht wahr sein!" und der Betreffende weigerte sich. Woher will er das wissen, wenn er sich nie überlegt hat, wie eine Welt aussähe, in der das wahr wäre? Will er es überhaupt wissen?

Wenn man in unserer Gesellschaft verbreitete Verhaltensweisen betrachtet, stellt man fest, daß es tatsächlich Denkverbote gibt. Erzähle mal in der Schule vor der gesamten Klasse, daß Du Jesus kanntest... - Das häufigste Ergebnis dieses Experiments dürfte sein, daß man vom Rest der Klasse umgehend für verrückt erklärt wird. Wenn man hartnäckig dabei bleibt, ist die Gefahr groß, daß das als Vorwand für Ausgrenzung genommen wird. So kann man beispielsweise auch den Link zu mir von Welt: http://www.absurdeidee.de/ einordnen. Allerdings ist das eine ziemlich harmlose Variante. Ich konnte schon wesentlich heftigere Reaktionen und bösartigere Angriffe erleben, wenn ich eine unbequeme Meinung vertreten habe.

Beispielgeschichte, Kersti:

Das Atomkraftwerkereferat

Eine köstliche Reaktion erhielt ich von einem Physiklehrer. Die Geschichte begann damit, daß er uns am Anfang des Schulhalbjahres mitteilte, daß jeder von uns ein Referat halten sollte. Er verteilte die Themen an die Schüler - nur war keines darunter, das mich genug interessierte, daß ich darüber einen Vortrag hätte halten wollen. Außerdem hatte ich keinerlei Interesse daran, mir zehn vorgegebene Seiten durchzulesen und dann die Meinung des Autors wiederzugeben. Deshalb äußerte ich den Wunsch, über ein anderes Thema zu referieren. Nach einem kurzen Gespräch einigten wir uns, daß ich mich mit Atomkraftwerken beschäftigen würde.

Ich wußte, daß ich mir etwas Riskantes vorgenommen hatte, denn ich kannte die Neigung des Lehrers, alles, was für Umweltschutz eintrat, als linke subversive Elemente zu beschimpfen. Aber ein Alibiargument für Atomkraftwerke - so dachte ich mir - würde wohl schon zu finden sein - auch wenn ich seit ich elf war genug gelesen hatte, um zu wissen, daß die Theorie, daß sie sinnvoll einzusetzen wären, schon zu damaligen Zeit - 1989 - sich längst als falsch erwiesen hatte.

Mit Feuereifer ging ich daran, Material zusammenzusuchen. Zuerst sichtete ich das mir schon bekannte: Mehrere Jahrgänge der Zeitschrift "Natur", die Blätter des BUND (Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland), einige Artikel aus der Zeitschrift "Idee und Bewegung", eine wissenschaftliche Studie über Leukämie im Umkreis von Atomkraftwerken, eine weitere Studie, die Anhand der amtlichen Umgebungsüberwachung des Kernkraftwerkes Obrigsheim nachwies, daß die Grenzwerte für die radioaktive Kontamination der Umgebung beinahe ständig um ein Vielfaches überschritten wurden. Außerdem mehrere unterschiedlich alte Broschüren, die Kernkraftwerksbetreiber herausgaben, um ihren Standpunkt - natürlich FÜR Kernkraftwerke - möglichst überzeugend darzustellen. Zusätzlich schrieb ich jeden mir bekannten Umweltschutzverband an und bat um weitere Informationen. Kurz zusammengefaßt hatte ich mir ein vielfaches der Arbeit gemacht, die meine Mitschüler geleistet hatten.

Mein Alibiargument für Atomkraftwerke fand ich jedoch nicht. Jedes Argument der Betreiber konnte ich anhand mir bekannter wissenschaftlicher Studien widerlegen.

Da mir das Thema zu wichtig erschien, um dabei zu lügen, gab ich meine Argumente so wieder, wie sie sich gezeigt hatten: mein Vortrag enthielt die Argumente der Atomkraftwerksbetreiber - und zu jedem einzelnen eine stichhaltige Widerlegung.

Mein damaliger Vortrag:
VA55. Kersti: Vor und Nachteile von Atomkraftwerken

Der Lehrer hielt seinen altbekannten Vortrag über linke subversive Elemente die Bomben legen und die Wirtschaft ruinieren - aber es gäbe auch Idealisten. Dann empfahl er uns, das Denken den Fachleuten aus der Wirtschaft zu überlassen.

Ich war sprachlos. Wollte er allen Ernstes nicht seinen eigenen Kopf benutzen? Ich hatte die Argumente der Betreiber gelesen - unter anderem stand darin, daß die EAM (Energie Aktiengesellschaft Mitteldeutschland) beim Bau ihres ersten Atomkraftwerks beinahe pleite gegangen wäre. Die älteren Broschüren argumentierten auch sehr offensiv und überzeugt für die Wirtschaftlichkeit und den Nutzen der Atomkraft. Neuere Broschüren wurden in ihrer Argumentation immer schwammiger und zurückhaltender. Ich deutete das so, daß die Betreiber inzwischen selbst nicht mehr so recht überzeugt waren, es sich aber nicht hätten leisten können, ihre teuren Atomkraftwerke stillzulegen, bevor sie sich einigermaßen amortisiert hatten. Deshalb mußten sie offiziell dafür sein, auch wenn sie selber nicht mehr daran glaubten. Ich dachte hierüber nach, wußte aber nicht, wie ich diese Gedanken in einer so abwertenden Athmosphäre formulieren sollte.

Meine Deutung dieser Informationen hat sich inzwischen insofern bestätigt, daß seither in Deutschland kein einziges neues Atomkraftwerk gebaut wurde.

Wenn man es vom Standpunkt Gesundheit betrachtet, halte ich es für eine Fehlentscheidung, die Atomkraftwerke weiterzubetreiben. Sinnvoller wäre es gewesen, ihre Betreiber irgendwie zu entschädigen oder die Kosten durch eine allgemeine Strompreiserhöhung zu tragen. Vermutlich aber waren unsere Politiker der Ansicht, der Staat könne diese Kosten nicht tragen. - Man denke an unsere Staatsverschuldung.

Wer könnte daran Interesse haben, daß Menschen nicht selbstständig denken? Nicht die Eltern, die ihre Kinder ja lieben, nicht die Lehrer, die Ihren Beruf wählten, um Kinder etwas zu lehren... könnte jemand Interesse daran haben? Oder ist das alles nur ein unglückliches Zusammentreffen von Umständen?

Kersti

O3: Kersti: Ist in der Schule das Denken verboten?, OI3.
V22. Kersti: Sektenstrukturen in der normalen Gesellschaft
V44. Kersti: Dimensionen der Wirklichkeit
V68. Kersti: Ich erinnere mich an Jesus - Bin ich jetzt verrückt?
V82. Kersti: Meinungsfreiheit - Wer könnte Zensur üben?
V91. Kersti: Instinkte und Freiheit
V93. Kersti: Fantasyersatz und die Scheißwahrheit...
V94. Kersti: Eine Sammlung sämtlicher denkbarer Verrücktheiten
V140. Kersti: Die zerstörerische Arroganz der herrschenden Meinung
V150. Kersti: Den Fachleuten vertrauen?
V164. Kersti: Nicht Meinungsfreiheit - Freie Wahrheitssuche!
V165. Kersti: Meinungsfreiheit - ein Luxus ?
V194. Kersti: Was unterscheidet eine Gehirnwäsche von einem Dazulernen?
V248. Kersti: Spielverderber - oder - Wer sind die Guten?
V269. Kersti: Geschichtsschreibung durch lesen in der Akascha-Chronik: Die Welt ist ganz anders...
V277. Kersti: Das Prinzip der Narrenfreiheit
V320. Kersti: Im oberen Teil der Brücke wird man verrückt!
VA16. Kersti: Wissenschaft als Sekte
VA20. Kersti: Warum manche Ärzte explodieren, wenn sie von Naturheilkunde hören
VA61. Kersti: Kritikfähigkeit hat zwei Seiten
VA67. Kersti: Welche nichtwissenschaftlichen Faktoren verfälschen das Wissen der Fachleute über den Stand medizinischer Forschung?
VA122. Kersti: Erkenntnistheorie: Was ist Wahrheit?
VA125. Kersti: Fehlertypen in der Wissenschaft
VA126. Kersti: Forschungsstrategien: Wenn ein Mediziner, ein Physiker und ein Historiker sich mit demselben medizinischen Thema beschäftigen, kommt nicht dasselbe dabei heraus
VA162. Kersti: Prüfet alles...
VA163. Kersti: Die Wirkung indirekter Kritik
VA164. Kersti: Die Welt ist eine Illusion...
VA165. Kersti: Fantasie oder Realität?
VA231. Kersti: Wenn man zu anders ist, besteht das halbe Leben aus Mißverständnissen - und die andere Hälfte aus Einsamkeit
VA232. Kersti: Wie entstanden die Verschwörungstheorien - und inwiefern sind sie realtistisch?
VA233. Kersti: Gedankenkristalldenken fühlt sich für mich eher wie sehen als wie denken an
VA241. Kersti: Verdrängungs- mechanismen
VA246. Kersti: Der Unterschied zwischen Argumenten, Argumentationstricks und persönlichen Angriffen
VA253. Kersti: Der Unterschied zwischen wahr, bewiesen, nicht bewiesen, nicht belegbar, nicht beweisbar, widerlegt, falsch
VB20. Kersti: Fachidiotentum
VB31. Kersti: Medizin - Religion oder Wissenschaft?

Ein Text von Kersti Nebelsiek, Alte Wilhelmshäuser Str. 5, 34376 Immenhausen - Holzhausen, Tel.: 05673/1615, http://www.kersti.de/, Kersti_@gmx.de
Da ich es leider nie schaffe, alle Mails zu beantworten, schon mal im voraus vielen Dank für all die netten Mails, die ich von Lesern immer bekomme.